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Vom Nachdenken der Vordenker
 
Kürzlich sah man die Wissenschaft in helle Aufregung versetzt, die zur Stund fortdauert und sogar wächst, als sie mit den bahnbrechenden Arbeiten von Abut Kesi, KoHe und Minu konfrontiert wurde. Der ausgelöste Disput wird für die Menschen nicht ohne Folgen bleiben und dieser Artikel soll versuchen, die Kopflosigkeit der Kopfarbeiter allgemeinverständlich wiederzugeben. Ein Streitgespräch mit Geisteswissenschaftlern über ein Thema, daß uns alle angeht: Das Denken. Mit: Hellmut Bregen, Lehrstuhl für Philosophie in Leipzig; Johanna von Grellstahl, promovierte Sozialwissenschaftlerin; Alfred Solonski, Logiker (Emeritus)

von ISA GARFUNKELSTEIN
 
 Isa Garfunkelstein : Bevor ich mich mit meinen Fragen und natürlich mit denen unserer Leser an Sie richte, lassen Sie mich zuvor eine kurze Schilderung vom Stand der Dinge geben, die Sie selbstverständlich hernach ergŠnzen kšnnen, falls ich wesentliches unterschlagen sollte. (zustimmendes Murmeln) Vor einem Vierteljahr wurde die erste Schrift zum >Neuen Denken< publik, das >TrAKtat zum Denken< von Abut Kesi...
 
Alfred Solonski : (fällt mir erregt ins Wort) Lassen sie mich an dieser Stelle sofort etwas bemerken,--- (macht eine Kunstpause, während der er uns mit kurzem, fordenden Blick streift)
 
Isa Garfunkelstein : (brüskiert) Ich war noch nicht fertig.
 
Alfred Solonski : (fährt unbeirrt fort, einen leicht triumphierenden Mitschwang in der Stimme) ---Ich habe nämlich schon an dieser Stelle einen grundlegenen Zweifel: Betrachten wir das "Denken im allgemeinen" einerseits und das "Denken über das Denken" andererseits als zwei verschiedene Dinge, so muß rein logisch besehen eines von beiden Unsinn sein. Die mathematische Logik sagt uns nämlich einwandfrei...
 
Johanna von Grellstahl : (etwas überhastet) Ich bitte Sie! Ihre Logik ruht doch auf tönernen Füßen. Sie können mit ihren Kritiken an der Form nicht einfach den Inhalt wie ein Zauberkünstler --- mir nichts, dir nichts --- verschwinden lassen. Alfred Solonski : (leicht unwirsch) Bitte unterbrechen sie mich nicht Frau von Grellstein! Ich komme auf den eben erwähnten Widerspruch zurück: Das Denken im allgemeinen muß natürlich das Denken über das Denken vollständig beinhalten. Andersherum sollte das Denken über das Denken auch das Denken im allgemeinen vollständig enthalten, wie es die Worte angeben. Dies ist mithin der Widerspruch, auf den ich sofort verweisen muß, wenn mir Schriften über das Denken in die Hände fallen: Zwei Dinge können nicht voneinander verschieden sein und einander gleichzeitig vollständig enthalten. Genausowenig gibt es zwei verschiedene natürliche Zahlen, wovon die eine gleichzeitig größer und kleiner als die andere ist. Nein, Nein --- das ist kein Lapsus.
 
Hellmut Bregen : (mit väterlicher Güte) Herr Solonski, machen sie sich nicht lächerlich! Es kommt doch auf den Anstoß, die Inspiration an, die von diesen Schriften ausgeht.
 
 Alfred Solonski : (eigensinnig, mit erhobenem Finger) Aus Falschem folgt Beliebiges!
 
Johanna von Grellstahl : Da stimme ich ihnen zu. Ihre Kritik mag zwar nicht den Kern der Sache treffen, (schneidend)aber kritisieren muß man.
 
Isa Garfunkelstein : (aggressiv) Wieso?
 
Johanna von Grellstahl : (beugt sich vor und läßt ihre Augen blitzen) Mich haben diese Schriften empört! (ihre knallroten Lippen explodieren bei jedem der ausgestoßenen Worte) Da ma§en sich drei Männer an, über das Denken zu schreiben. Sie werden mir zugeben, meine Herren, daß Männer wesentlich triebhafter als Frauen sind und ihr Denken folglich in signifikanter Weise triebkontrolliert ist. Was also können sie über das Denken herausfinden? Schauen Sie beispielsweise die Schrift von Minu dazu an: er spricht vom >BEHENDEN SCHOSZ DER ALLKRAFT<, von >IMLIPPENSCHLUSZ< und den >PLANTAGEN DER VERNUNFT< --- Plantagen der Vernunft ! (lacht nervös auf) Da scheint bei diesen Gelehrten allerlei GemŸse zu gedeihen, ein paar Kürbisse vielleicht und eine Wassermelone.
 
Hellmut Bregen : Sie werden unsachlich, liebe Frau von Grellstahl.
 
Johanna von Grellstahl : (Ÿberzeugt)Wenn das kein Sexismus ist, IMLIPPENSCHLUSZ ! Ein wildes GebrŠu brŸnstiger Gedanken. Ein verschwitztes DornengestrŸpp mŠnnlicher Phantasien ...
 
Hellmut Bregen : (hŠlt sich die Ohren zu und ruft)Hšren sie auf, meine Liebe! Sie bleiben an Kleinigkeiten kleben. Die Frage sollte doch lauten, ob ein neues Denken wahrhaft vonnšten ist und wenn ja, ob es in unserer Macht steht, diese Herausforderung Ÿberhaupt anzunehmen?---Mit Aussicht auf Erfolg.
 
Johanna von Grellstahl : Was Kleinigkeiten? Finden sich denn Hinweise auf das frauliche Denken, wird denn auf die weitgehende Befreiung des feminimen Gedankens von Unvernunft und libidinšsen Kontrollen hingewiesen?
 
Isa Garfunkelstein : (sachlich)Frau von Grellstahl...
 
Johanna von Grellstahl : (scheint es gar nicht zu bemerken)... Kleinigkeit? Mit einer SelbstverstŠndilchkeit wird hier das weibliche Gehirn Ÿbergangen, mit einer UnverschŠmtheit der kleine Unterschied egalisiert...
 
 Isa Garfunkelstein : Sie reden selbst vom >kleinen< Unterschied.
 
Johanna von Grellstahl : (rei§t die Augen auf, es ist nicht klar, ob aus Empšrung, oder Erstaunen) Sie als Frau fallen mir in den RŸcken! Keinerlei Richtigstellung in diesen Pamphfleten. Kein Wort vom von den wahrhaft wichtigen Erkenntnissen der postfreudschen Šra. Was das Denken anbegeht, scheinen mir diese Herren selbst einigen Nachholbedarf zu haben. Die glauben wahrscheinlich immer noch an den Unsinn vom Penisneid der Frauen. Heutzutage ...
 
Hellmut Bregen : (fŠllt ihr hŠmisch ins Wort)... haben sie den Busenneid. Johanna von Grellstahl : (mit entgleisten GesichtszŸgen) Sie!(verschluckt sich)
 
Alfred Solonski : Sie betreiben MŸ§iggang, meine Damen und Herren, wie er strafbar sein mŸ§te. Wie ich schon erlŠuterte, mu§ entweder das Denken im allgemeinen, oder das Denken Ÿber das Denken ein intrinsicher Widerspruch sein, in jedem Falle Grunds genug, zu schweigen!
 
Hellmut Bregen : Ganz im Gegenteil! Gerade Begriffe, die mit inhŠrenten WidersprŸchen belegt sind, haben eine eigene Kraft, ein Schaffenspotential. So, wie in der befruchteten Eizelle der Widerspruch zwischen mŠnnlichen und weiblichen Genen vorliegt (fŠllt unvermittels in einen schwŠrmerischen Ton) und der diese wunderbare Verwandlung bewirkt...
 
Alfred Solonski : (ärgerlich) Was soll das fŸr ein Widerspruch sein? Weiblich und mŠnnlich widersprechen einander offenbar nicht! Beide existieren ja aufgrund der Existenz des jeweils anderen Geschlechts...
 
Johanna von Grellstahl : Kein Widerspruch? Das ich nicht lache. Ich jedenfalls sehe mich als Frau im Widerspruch zu ihnen und vor allem zu Herrn Bregen. Hellmut Bregen : (deutet eine kleine Verbeugung an, spšttisch) Es ist mir eine Ehre eine so schšne Feindin zu haben!
 
Isa Garfunkelstein : (mahnend) Herr Bregens!
 
Hellmut Bregen : (unschuldig) Ja? Ich sehe nun einmal Schriften unter dem Winkel des inhŠrenten Keimes, der Metamorphose, die das menschliche Denken vollzieht, wenn es beginnt, Ÿber sich selbst Klarheit zu verschaffen.
 
Alfred Solonski : (sichtlich erbost) Was fŸr ein metaphysischer Unfug. Nein, Nein --- das ist kein Lapsus.
 
Hellmut Bregen : Jedenfalls ist es doch so---und da stimmen sie mir hoffentlich alle zu---da§ unter den Menschen eine gro§e Unbedarftheit herrscht, was das Denken anbelangt. Niemand wei§ genau, wie denken und wozu, niemand macht sich die MŸhe, es einmal zu probieren. Das gleiche lie§e sich Ÿber das FŸhlen behaupten, so man es nicht ohnehin schon als spezielle, ahnungsvolle und gesamtheitliche Form des Denkens bezeichnen mšchte.--- Ah, da fŠllt mir ein, da§ ich hier ein wenig Kritik an KoHe und Abut Kesi anbringen mu§:
 
Johanna von Grellstahl : Oho, eine Kritik. Lassen sie hšren!
 
Hellmut Bregen : Die beiden insistieren mir zu stark auf der herausragenden Rolle des Zweifels im bisherigen menschlichen Denken. Das Denken heute...
 
Alfred Solonski : (warnend) Sie machen einen schweren Fehler!
 
Hellmut Bregen : Das Denken heute besteht zum grš§ten Teil aus Meinungen, die die Eigenschaften der Ÿbereinstimmung, des Widerspruchs, der Belanglosigkit undsoweiter haben kšnnen. Nie aber wird gezweifelt. Meinungen sind vorhanden, werden kritisiert, gelobt, popularisiert, transformiert, verstŸmmelt, aber doch nur in den seltensten FŠllen bezweifelt! Man zweifelt nicht mehr. Man verzweifelt.
 
Alfred Solonski : Das haben sie schšn gesagt, Herr Bregen. Ich verzweifle an ihrer Uneinsichtigkeit! Sie reden Ÿber das Denken. Reden setzt denken voraus. Johanna von Grellstahl : (spitz, Herrn Bregen bedeutsam anschauend) Nicht immer! Alfred Solonski : (unbeirrt) Also denken sie Ÿber das denken nach. Ich bitte sie instŠndig, von dieser Torheit zu lassen!
 
Isa Garfunkelstein : Nun haben sie aber selbst Ÿber das ">Denken Ÿber das Denken"< nachgedacht!
 
Alfred Solonski : (wie ins Gesicht geschlagen, taumelt, spricht mit gepre§ter Stimme) TatsŠchlich! Ich habe die Torheit potenziert. Aber warten Sie...
 
 Hellmut Bregen : (mit leidender Miene)Herr Solonski, sie langweilen uns. La§t uns vom Denken reden, vom alten, wie vom Neuen! Ist einer der anwesenden Personen beispielsweise aufgefallen, da§ Herr Abut Kesi rŸckblickend ">Tuba"< hei§t, ein Name, in dem sich gleichzeitig das Wort ">Tabu"< versteckt? Was soll das, Tuba? Hat es etwas mit dem konischen, etwas schwerfŠlligen Messingtšner zu tun, der jedes Volksfest zur Tortur machen kann? Oder ist es eine versteckte Anspielung auf die Posaunen des letzten Gerichtes? Dies zu ergrŸnden sind wir hier und nicht, ob es zulŠssig ist darŸber zu disputieren.
 
Isa Garfunkelstein : Ich danke ihnen, Herr Bregen und mšchte gleich eine Frage dazu in den Raum stellen, auf die ich mir in diesem Kreise kontroverse Antworten erhoffe.
 
Johanna von Grellstahl : Ich bin gespannt.
 
Hellmut Bregen : überspannt.
 
Alfred Solonski : (hält sich die Ohren zu und zieht die Stirn in tausen leidende Fältchen)
 
Isa Garfunkelstein : Die Frage lautet: Kann man lernen, anders zu denken?
 
Johanna von Grellstahl : Gestatten sie mir das erste Wort---Die Antwort ist Ja und Nein. Es ist uns wohl mšglich, andere Denkweisen zu erlangen, jedoch kann dies nicht vom Bewu§tsein gesteuert werden---bei Frauen vielleicht noch graduell, bei MŠnnern wŠre das hoffnungslos---weil das Bewu§tsein dafŸr schon das Neue Denken voraussetzt. Au§erdem ist es ein irreversibler Proze§, der jegliche Erinnerung an alte Denkschemata ersetzt und damit ist das Neue Denken nicht feststellbar...
 
Alfred Solonski : Wie kann etwas stattinden, das unter keinen UmstŠnden feststellbar ist? Findet es Ÿberhaupt statt? Die Existenz einer Sache zu postulieren, die niemals---auch nicht unter Hilfenahme irgendwelcher Hilfsmittel---apperzepiert werden kann, scheint mir barer Unsinn zu sein!
 
Johanna von Grellstahl : (scharf)Sie sollten schweigen. Wenn ich an den Lapsus denke, der ihnen gerade unterlief!
 
Alfred Solonski : (schluchzt mit einem male heftig auf) Nein! Nein! Das ist kein Lapsus! (schneuzt sich mittels eines gro§en schmuddeligen Taschentuches, das er mit einer ruckhaften Bewegung aus seiner Jackettasche zieht) Entschuldigt! (alle wirken etwas betroffen)
 
 Isa Garfunkelstein : Herr Solonski, Sie sollten das nicht so ernst nehmen. Es ist weder eine Niederlage ihrer Logik, noch ihrer Person.
 
Alfred Solonski : (indem er sich in AbstŠnden genštigt sieht schwer einzuatmen, um den aufsteigenden Schluchzern zu begegnen) Es ist nicht meine Logik! Sie schert sich einen Dreck um mich. Ich bin lediglich ihr JŸnger und heute habe ich sie schŠndlich veraten.
 
Hellmut Bregen : Sie sind doch nicht mit der Logik verheiratet! (wendet sich abrupt Isa Garfunkelstein zu, um sich in Pose zu werfen) Genug von diesem Trauerspiel! Lassen Sie auch mich ihre Frage beantworten, und meine Worten denen von Frau von Grellstahl entgegensetzen. J
 
ohanna von Grellstahl : Phhh.
 
Hellmut Bregen : NatŸrlich kann man zu einem neuen Denken gelangen! Es ist dies der Nietzsch'e Ÿbermensch, der uns hier in seiner moderneren Getalt entgegentritt. Gerade bei KoHe lassen sich schon---mehr als bei den anderen beiden---neue AnsŠtze entdecken, AnsŠtze der Verknappung, der erweiterten Analogie und zwar ohne Informationsverlust. Das scheint mir gro§, das ist aus neuem Titanium geschmiedet, das ist die bewu§teste Gestaltung des Menschen, die mir bekannt ist. Mensch la§ ab, Deine Umwelt zu verŠndern und suche Dich selbst zu wandeln! (Hat sich immer mehr in Pose geredet)
 
Johanna von Grellstahl : (applaudiert mit spšttisch retardiertem Klatschen) Wie wŠre es, sich den dreien anzuschlie§en, Herr Bregen? Sie kšnnten dann ein ">Neues Denken"< ganz nach Belieben kreieren, am gescheitesten aber irgendwo vor der TŸr, vielleicht auf einer einsamen Insel, ihr vier?
 
Hellmut Bregen : Lassen Sie ihre homoerotischen Phantasieen aus dem Spiel!---Im Ÿbrigen habe ich schon daran gedacht, mich zu jenen dreien zu gesellen. Isa Garfunkelstein : Was hielt Sie?
 
Hellmut Bregen : Es ist das leidige Problem, was unsre Mitmenschen davon abhŠlt, ganz von selbst auf diese Dinge zu kommen. Das Neue Denken sollte sich als Angelegenheit Aller evolutionŠr durchsetzen und nicht gewisserma§en von au§en oktruiert werden.
 
Johanna von Grellstahl : Wie bring ich's meinem Volke bei?
 
Hellmut Bregen : (Ÿberhšrt den Spott) Ich habe manchmal den Eindruck, als wŸrde schon das normale Denken genŸgend Probleme im Alltag bereiten, welch Chaos lЧt sich ausmalen, wenn sich das Neue Denken als noch schwerer verdaulich erweist? (schaut in die Runde und mustert die Anwesenden)
 
Alfred Solonski : (ist inzwischen zu einem enthemmten Weinen zusammengesunken)
 
Johanna von Grellstahl : (lacht mit einem mal hysterisch und kann offenbar nicht mehr aufhšren)
 
Hellmut Bregen : (zerrt sich verwirrt an der Krawatte und blickt gehetzt um sich)
 
Isa Garfunkelstein : Ich danke Ihnen für das Interwiev.
 
 
DHR, Oktober 1995


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