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Die reizlose Seite des Humanismus

Widerwillige Untersuchung der Frage, ob Peter Hacks ein Antisemit gewesen sei

Eine Leerstelle


Nachdem der Dichter Peter Hacks gestorben war, häuften sich die öffentlich vorgetragenen Verdächtigungen, er hätte vielleicht ein heimliches Ressentiment gegen die Juden gehegt. Die Schwere der Vorwürfe reichte von der Beklommenheit, er hätte sich in der Frage nicht immer eindeutig und entschieden geäussert, bis hin zur unmissverständlich vorgestossenen Zeihung des Antisemitismus.
So trug  sich bei einer Podiumsdiskussion der Peter-Hacks-Gesellschaft im letzten Jahr zu, dass der Herausgeber Hermann Gremliza, mit dem Hacks einmal einen polemischen Disput über die Erbsubstanz deutscher Schuld geführt hatte, auf die Nachfrage des Moderators Rayk Wieland, wie es sich denn mit Hacksens Haltung zu den Juden verhielte, nach kurzem Bedenken versetzte: “Es gibt da eine Leerstelle bei Hacks.” Der Satz blieb unwidersprochen. Zugegeben, einer Leerstelle läßt sich schwer widersprechen. Sie tut ja so, als sei sie ein Minimum an Behauptung, als sei sie eigentlich gar keine Behauptung von irgendwas. Fast liesse sie sich mit dem Einbekenntnis von Nichtwissen um einen Sachverhalt verwechseln. Aber Hermann Gremliza hat ja nicht gesagt, bei ihm wäre eine Leerstelle, sondern bei Hacks. Natürlich erzeugt die Behauptung einer Leerstelle inbetreff der Judenfrage Unwohlsein und Argwohn gegen den Leergestellten. Der Grund ist einfach, dass die Rede von der Leerstelle in Wirklichkeit Haltungslosigkeit in der Sache behauptet, in der man nicht haltungslos sein dürfe.
Gremlizas “Leerstellen”-Vorwurf hätte wohl unerwidert fortbestanden, wäre nicht der Publizist Ingo Way als jener Tropf aufgetreten, der schliesslich das Tintenfass zum Überlaufen bringt. Die betreffende Stelle bei Way lautete: “Wenn der Unternehmer Aron Kisch bei Hacks tatsächlich jener vaterlandslose Kosmopolit ist, der sein Land schädigt, weil er “keines hat”, dann müsste ich Hacks bei der Wahl des Rollennamens, tatsächlich den Vorwurf des latenten Antisemitismus machen. Und das möchte ich eigentlich nicht müssen.” So wenig mochte Ingo Way das müssen, dass er mit diesem Wunsch seinen Aufsatz enden läßt; wir sehen sozusagen Ingo Way zur rhetorischen Watschn ausholend hinterm Vorhang verschwinden. Nun weiss niemand, warum er sein Stück mit dieser Geste beschliesst, aber dass es explizit auch eine Geste des Unwillens ist, wollen wir uns merken. Das Motiv klingt hier erstmals auf und wird uns fortan begleiten.  

Untergärige Motive. 

 Zunächst sprang es auf mich über. Als man mich ansuchte, den Antisemitismusverdacht gegen Hacks zu untersuchen, durchfuhr mich augenblicks große Unlust. Selbst das vollkommene Nichts erschien mir einen ergiebigeren Gegenstand abzugeben, als diese Leerstelle eines möglichen antijüdischen Ressentiments. —  Der Leser sei in Kenntnis gesetzt, dass ich selbst einer Familie sekularisierter Juden entstamme, und wenn die Welt an etwas wirklich keinen Mangel leidet, dann an jüdischer Selbstbetrachtung. Darauf jedoch würde ein Essay unweigerlich hinaus laufen; kein Mensch kann von seinem Erzfeind reden, ohne von sich selbst zu reden, und erst recht kein Jude. Unlust also und zwar von der sinnzehrenden Sorte. Zwar gibt es veritable Werke, die aus Unlust verfasst wurden, Engels’ “Anti-Dühring” etwa, oder Lems “Philosophie des Zufalls”. Auch Hacksens “Freudlose Wissenschaft” ist so eine Ausnahme. Aber in der Regel gelingt ein Werk, selbst ein so kleines, nur, wenn es in einer gewissen Hochstimmung verfasst wird.
Mußte Hacksens Verhältnis zu den Juden wegen dieser Vorhaltungen tatsächlich untersucht werden? Hätte man ihn der Pädophilie, der Brunnenvergiftung, der Mielke-Kumpanei, oder sonst eines todwürdigen Verbrechens beschuldigt, müsste man all dem nachsteigen? Verhält es sich denn so, dass jemand nur einen skandalösen Verdacht herraunen muss, damit die Verdachtsausräumer spornstreichs in Betriebsamkeit ausbrechen? (Die Bilder wackerer Ameisenkrieger fielen mir ein, wie sie mit großem Ingrimm gegen einen Kiesel ziehen, den ein Vorüberschlendernder absichtslos in ihren Haufen warf. Bilder auch von Sisyphos, dessen Fluch ja nicht im steten Scheitern liegt — das ginge als ein gewöhnliches Lebenswerk in Ordnung — sondern darin, etwas vollkommen Nutzloses und dabei Reizloses zu tun.)
Andererseits, man sieht, die Sache hört von selbst nicht auf. Verdächtigungen zeugen sich fort. Einem einleuchtenden Sachverhalt sieht man wenigstens nicht an, dass er meist durch Nachbeten angeeignet ist. Einer Verdächtigung hingegen immer; deswegen heisst sie ja auch “Nachrede”, und meist ist sie übel. Was auf der Hand liegt, kann in der Regel von überall herstammen, wenn es nur allgemein zugänglich ist, aber das Ausbündige verbreitet sich stets von wenigen Quellen her. Der Gedanke könnte verlockend sein, jede Quelle der Antisemitismus-Verdächtigungen einzeln zu stopfen, und dann hätt’s a Ruh! Jedoch, ein Verdacht, der in der Welt ist, geht nicht mehr zu stopfen, nichteinmal in die Leerstelle zurück, aus der er kam. Und natürlich schreckte es auch niemanden, wenn ich messerscharf bewiese, dass jegliche weitere Diskussion über Hacksens möglichen Antisemitismus ganz und gar blödsinnig ist. Blödsinnigkeit als Abschreckungsgrund hat überhaupt ausgedient. Gute Argumente also, Hacks zu verteidigen, sind denkbar wenige, zumal er sich, selbst aus dem Grabe, besser verteidigen kann, als irgendwer sonst ihn verteidigen könnte. Für posthume Wehrhaftigkeit, darum war er sehr bemüht, trügen seine Texte, so man sie nur lesen würde, ausführlich Sorge.
Der Leser wird, und vielleicht mit Brauenrunzeln, bemerkt haben, dass mein Urteil zu den Antisemitismusverdächtigungen bereits vor der Untersuchung feststeht. Möglicherweise fühlt er sich dadurch in seiner Mündigkeit beeinträchtigt. Ich schenke ihm dieses Unwohlsein aber nicht ohne Darlegung meiner Rechtfertigung. Sind wir ehrlich miteinander, dann ist doch nie der Fall, dass der Verfasser einer solchen Art Untersuchung vorurteilslos an seinen Gegenstand heran tritt. Zwar tut er meist so, als würde er sich ihm in neutraler und rein wissenschaftlicher Absicht nähern, aber verborgen in seinem Busen hofft er schon auf einen bestimmten Ausgang der Sache, im Geheimen hat er längst Partei ergriffen. 
Der Unterschied ist nur, ich versuche nichteinmal den Anschein zu erwecken, ich wäre in der Sache unentschieden; mir ist die Anstrengung lästig und ich finde die Geste albern. Ich bekenne freimütig, dass ich es als eine Niedertracht, im Mindesten aber als eine Ungezogenheit gegen Hacks empfunden habe, ihn als Antisemiten zu inkriminieren. - Verdruss also, mich überhaupt mit dem Thema zu bebürden, stand gegen Verdruss, Hacks bescholten zu lassen; unschwer, zu erraten, welcher dieser Verdrüsse schliesslich obsiegte. Um Wissenschaftlichkeit, so meine Selbstermahnung, wollte ich mich trotz Verdrossenheit weidlich mühen, und also den vorgeblich Unvoreingenommenen in der eigentlichen Durchführung in nichts, was von Belang ist, nachstehen. Die Frage also werden wir abhandeln, ob Hacks lediglich verabsäumt hat, seinen Widerwillen gegen den Antisemitismus zu bekunden. Ist ihm blosse Nachlässigkeit anzulasten? Oder waltet hier doch ein tieferer Sinn und ein verborgenes antijüdisches Ressentiment, vielleicht nicht nur ein fremd-, sondern sogar ein selbstverhehltes? Ich schicke mich an, im Folgenden herzuleiten, wie beides, das Selbstverhehlte und das Nachlässige, miteinander verknüpft sind. Ich werde Hacks entlasten, indem ich zeige, dass sein Säumen in dieser Sache aus einer Unlust folgte, die in Wirklichkeit eine dranghafte Lust am Menschen war. Daß ihm — mit einer Ausnahme, von der zu reden sein wird — daß ihm nie redselig in der Sache zumute war, lag an seinem Staatshumanismus; ein Humanismus, der den meisten Jetztmenschen noch nicht zu denken und zu empfinden möglich ist.  

Theorie des Selbstverhehlten
 

(...)Ich setze einen Anfang, indem ich einige Aspekte unseres Selbstkonzeptes zur Sprache bringe, die wir späterhin an verschiedenen Stellen benötigen werden. Das Thema ist sehr abstrakt und trocken. Es hat ja keinen Zweck, Ihnen, verehrter Leser, das zu verheimlichen. Sie würden es ja ohnedies bemerken. Immerhin, den Mut kann ich Ihnen machen, es ist nur dieses eine Kapitel, durch das ich Sie quälen muss. Danach wird alles licht und leicht. Wenn Sie es durchaus überspringen wollen, bittesehr. Sie brächten sich allerdings um ein Gutteil der späteren Pointen.
Selbstkonzept, das meint den dispositionalen, relativ stabilen, unveränderlichen Teil dessen, was man im Sinn hat, wenn man “ich” sagt. Das schliesst beispielsweise Charaktereigenschaften ein, Einstellungen, anhaltende Interessen und eben eine Anzahl von Überzeugungen und Werten. Das Selbstkonzept leitet sich anhand dieser Leitlinien und Werte als ein Bündel von Selbstzuschreibungen und Selbsteinschätzungen ab: Welche “guten” und “schlechten” Eigenschaften man aufwiese, über welcherlei Fähikeiten man verfüge und schliesslich auch, welchen Gruppen man zugehöre. Zugehörigkeit im Sinne einer Selbstbestimmung lässt sich zu fast allen Gruppen entwickeln: Zu einer Familie: folglich aus Verwandtschaft und Erziehung. Zu einer Partei: folglich einer gemeinsamen Weltanschauung. Zu einem Verein: Folglich gemeinsamer nicht-weltanschaulicher Interessen. Zu einer Gemeinschaft: Folglich eines gemeinsamen Schicksals. Und so fort: Zu einer Religion, zu einem Volk, zu einem Staat, zu einer Nation; auch zu gänzlich imaginierten und ausserhalb der Einbildung unvorhandenen Gruppen, wie zum Beispiel zu der gefühlten “Hacks-Nachwelt”.
Von dieser Gruppenzugehörigkeit interessiert uns allein der Aspekt der Selbstzuschreibung. Dinge, wie ein Personalausweis, ein Mitgliedsbuch, eine Fahne und andere Reliquien der Zugehörigkeit finden unsere weitere Beachtung nicht. Uns beschäftigen die selbstzuschreibenden Begriffe. Begriffe, die nicht durch äussere Zuschreibung, sondern durch Selbstzuschreibung entstehen: Das bedarf der Erläuterung. Jeder Begriff ist die gedankliche Zusammenziehung von vielem zu einem; das Fallen eines Gegenstandes unter einen Begriff kann in der Regel anhand mehrerer, mindestens aber eines Merkmals entschieden werden. Beispielsweise fallen alle unverheirateten Herren im heiratsfähigen Alter unter den Begriff “Junggeselle”. Sie fallen unter diesen Begriff unabhängig davon, ob ihnen das bewusst ist oder nicht; unabhängig auch von ihrer eigenen Zustimmung oder Selbstzuschreibung.
Davon unterscheiden sich die selbstzuschreibende Begriffe. Das “Fallen unter” heißt hier richtiger an- oder zugehören und kann nicht anders entschieden werden, als durch die Selbstauskunft der dem Begriffe sich zurechnenden. Es ist im Unterschied zu den gewöhnlichen Begriffen, wie e.g. “Junggeselle” oder “Blondine” etc. nicht möglich ein äusseres Kriterium festzulegen, anhand dessen die Angehörigkeit eines Menschen zu einem selbstzuschreibenden Begriff entschieden werden könnte. Die einzige Möglichkeit, das Fallen unter einen selbstzuschreibenden Begriff herauszubringen, ist die Befragung eines Menschen.
Grund für die Unterscheidung von gewöhnlichen und selbstzuschreibenden Begriffen ist, dass selbstzuschreibende Begriffe das Selbstverständnis eines Menschen betreffen, im Gegensatz zum Fremdverständnis. Sie dienen dem Begreifen des eigenen Herkommens. Das zusammenhanglose da-sein der äusseren historischen Gründe wird durch sie zu einem einheitlichen eigenen Dasein zusammen gefügt. Es ist paradox wie jede tiefere Wahrheit, dass wir die Einmaligkeit der eigenen Identität nur dadurch gewinnen können, dass wir uns in einen Zusammenhang setzen, das heisst, einen Teil der eigenen Besonderheit aufgeben und uns mit anderen gemein machen.   Eine Teilmenge der selbstzuschreibenden Begriffe bilden die völkischen Begriffe. Eine andere Rechtfertigung völkischer Begriffsbildungen als die Selbstzuschreibung kann es nicht geben; es gibt kein äusserliches Unterscheidungsmerkmal, das einer vorurteilslosen Prüfung durch die Vernunft standhielte. Nehmen wir, da es ohnehin auf sie hinausläuft, die Juden: Es bedarf, nehme ich an, keiner besonderen Verständigung, dass Nasen- und Kopfform, Vorhandensein einer Vorhaut, Physiognomie allgemein etc. ebenso als universelle Kriterien der Angehörigkeit versagen, wie das Sprechen einer bestimmten Sprache, das Innehaben eines Passes, das Pflegen einer Religion oder das In-den-Adern-Führen des Blutes Abrahams. Auch das halachische Recht, man müsse eine jüdische Mutter haben, um als Jude zu gelten, versagt logisch, denn woher verliehe sich die Angehörigkeit dieser Mutter, wenn nicht durch deren Mutter, usw. ad infinitum: Und also fehlt ein Anfang. Ohnehin schwächelt das Kriterium daran, dass es Ausnahmen für Konvertiten benötigt, sowohl zum Judentum, als auch aus ihm heraus.
Darauf, dass die äusserliche Festlegung völkischer Begriffe, d.i. die Bestimmung der Zugehörigkeit anhand eines äußerlichen Merkmals, in der Regel geradewegs in den Rassismus führt, wird der Leser wahrscheinlich selbst schon verfallen sein. Was ihm aber vielleicht noch nicht so geläufig war, ist die Tatsache, dass es sich gar nicht anders verhalten kann: Völkische Begriffe sind in Ursprung und Intention Selbstbestimmungen; Bestimmungen, die ein “Innen” weisen und gleichzeitig, aber sekundär, Absetzbewegung von einem “Aussen” sind. Alle äußerlichen Kriterien fungieren nur als Ausweis für eine empfundene Zugehörigkeit; Äußerlichkeiten, die in Dienst genommen werden, um die eigene Selbstbestimmung zu stabilisieren und sich ihrer in der realen Welt zu versichern.
Das heisst nicht, dass jedwede völkische Angehörigkeit nur eine reine Idee, vielleicht eine Art Zwangsgedanke sei. Natürlich gibt es äußerliche Anlässe für eine Selbstbestimmung, auch für völkische Zugehörigkeiten. Aber dieser Anlass muss in jedem Fall, wie auch immer er geartet sei, durch das Selbst eines Menschen hindurch. Jegliche Selbstbestimmung ist eine innere Positionierung im Kräftefeld äusserlicher Anlässe. Hier wird der Unterschied zwischen Anlass und Rechtfertigung entscheidend: Die Rechtfertigung einer vökischen Selbstbestimmung kann nie ein äusserlicher Anlass sein; ihre einzige Rechtfertigung ist der Wille, dazu zu gehören. Wiefern dieser Wille gewollt werden kann, steht dahin.
Das Feld der Theorie der Selbstbestimmungen ist natürlich nicht ganz unbeackert und wo geackert wird, wächst Kraut. Von dem Kraut ein Aufguss ist Hersz Tajfels Theorie der “sozialen Identität”, die besagt, dass Menschen sich vorzugsweise derjenigen sozialen Gruppe zugehörig fühlen, die ihnen — und zwar durch wohltuendes Abstechen von konkurrierenden Gruppen —  eine positive Selbsteinschätzung verschafft. So sehr sie einleuchten mag, die tajflische Theorie macht zwei Fehler: Erstens, sie tut immer so, als seien die möglichen Zugehörigkeiten bereits vorhanden wie Schubladen, in man sich lediglich einsortieren müsse. Zweitens isoliert sie das Individuum und stattet es mit einer Herrlicheit aus, als würden Zugehörigkeiten und Selbstzuschreibungen vollkommen in dessen Belieben stehen und steter kritischer Prüfung unterliegen.
Sehen wir auf den ersten tajflischen Fehler. Seine Berichtigung ist gut geeignet, um nachzuweisen, dass völkische Zugehörigkeiten, wie alle selbstzuschreibenden Begriffe, ihrem Wesen nach keine äusseren Merkmale voraussetzen, sondern solche erst bewirken. Allen selbstzuschreibenden Begriffen eignet eine logische Inkosistenz: Wenn wir übereinkommen, dass es der Selbstauskunft eines Individuums bedarf, seine Angehörigkeit zu einer Gruppe zu entscheiden, läßt sich fragen:  Wie kann sich ein Individuum einer Gruppe zurechnen, deren Zustandekommen ja erst der Zurechnung zu dieser Gruppe bedarf? Anders gesagt, die Gruppe muss bereits vorhanden sein, um sich ihr zurechnen zu können, kann aber erst gebildet werden, indem sich ihre Mitglieder zu ihr bekennen.
Gewöhnlichen Begriffen bereiten derartige Paradoxa ernsthafte Probleme. Selbstzuschreibenden Begriffen nicht, denn eben in diesem Paradoxon liegt das Geheimnis jeder Zugehörigkeit als Selbstbestimmung. Die Schubladen - Gruppen - in die sich einer sortiert, werden durch eben den Vorgang des Sortierens ständig neu erfunden; Selbsterneuerung, Fortzeugung, ist der wesentlichste Mechanismus, der temporale Stabilität erzeugt.
Aus der Mengenlehre ist bekannt, dass jede Menge durch Angabe ihrer Elemente vollständig definiert ist; die Elementbeziehung selbst aber ist basal, sie läßt sich auf keinen grundlegenderen Begriff zurückführen. In eben der Weise wie die Menge mit ihren Elementen verknüpft ist, ist es eine Gruppe mit ihren Mitgliedern. Die Gruppe wird durch (Selbst-)Angabe ihrer Mitglieder vollständig definiert, und nur dadurch. Kein äusserliches Merkmal, überhaupt keine “leere Schublade” ist vorhanden. Solch eine leere Schublade wäre ein leerer Begriff; einer, unter den schlichtweg gar nichts und niemand fiele.
Gruppe, das Wort meint eine Zusammenfassung, die sich unausgesetzt durch Zugehörigkeits- und Absetzbewegungen, sowohl des Individuums in Bezug auf die Gruppe, als auch der Gruppe in Bezug auf das Individuum, fortzeugt. Die Gruppe und ihre Merkmale sind in erster Linie eine Folge der Selbstzuschreibung ihrer Mitglieder; dass diese wiederhin, wie Tajfel sagt, nicht ohne Hinblick auf konkurrierende Gruppen geschieht will ich gar nicht bestreiten. Bestreiten an der Sache will ich lediglich, dass diese Absetzbewegung der Hauptgrund für die Selbstzuschreibung ist. Ich glaube nicht an das Primat des Fremden und würde stattdess, auch wenn hier kein Raum ist, meine Gründe zu nennen, immer für das Primat des Vertrauten streiten. Hauptgrund für die Selbstzuschreibung eines Menschen ist immer sein Selbstverständnis, niemals sein Fremdverständnis.
Wie rassistisch ist nun, das Fallen unter einen völkischen Begriff anhand äusserlicher Merkmale zu entscheiden? Ich meine, äusserliche Begriffslegungen völkischer Begriffe sind nicht per se rassistisch. Jede Äusserung kann nur im Kontext der sie begleitenden Überzeugungen bewertet werden. Jemand mag wohl, vielleicht in Ermangelung besseren Wissens, die Juden als an ihrer krummen Nase kenntlich bezeichnen, ohne deshalb ein Ressentiment gegen sie zu hegen. Andererseits ist der Keim dess Rassismus in solchen Stereotypen — nichts anderes sind äußerliche Begrifflegungen völkischer Zugehörigkeit —  immer enthalten. Die erste Stufe des Rassismus ist die Indienstname von Schablonen, durch die der Inkriminierte gleichartig, das heisst auf eine einheitliche Weise inferior gemacht wird.  Dennoch besteht ein feiner Unterschied zwischen dem möglicherweise naiven Ausschneiden einer Schablone und ihrer politischen Indienstnahme.
Warum ich das alles vor Ihnen hinbreite: Weil unsere Selbstzuschreibungen eine seltsam geheime Wirkung entfalten. Einerseits leiten sie unser Urteilen und Handeln wesentlich an; andererseits tun sie das in einer fast unsichtbaren Weise, als graue Eminenzen des Geistes. Hauptgrund, war gesagt, für die Selbstzuschreibungen eines Menschen ist sein Selbstverständnis, nicht sein Fremdverständnis. Aus dem Begreifen des Herkommens formt sich wesentlich das ich; es stiftet Sinn. Das Selbstverständnis aber ist selbstverständlich. Das ist die Pointe. Es gehört zu den großen Unverstandenheiten, dass die uns anleitenden Prinzipien so offensichtlich sind, dass wir sie nicht mehr sehen können: Weil wir eins mit ihnen sind. Unser Selbstverständnis betrifft Werte und Haltungen, die uns genauso vertraut sind, wie der Herzschlag, den wir nicht spüren. Das nicht in Frage gestellte kommt uns vor, als sei es gar nicht in Frage stellbar. (...) Wir sind so. Dieses so-sein ist gleichbedeutend mit einer Selbstverhehlung des Selbstverständlichen. Aus ihr folgt, dass es ungeheuer mühsam ist, sich selbst auf die Schliche zu kommen und herauszubringen, was uns anleitet. Nichts anderes als dieses Mühen ist das lebenslange in-sich-hinein-Geleuchte und zwanghafte Bekennertum der Künstler und Philosophen.
Ebenfalls nichts anderes als diese Selbstverhehlung des Selbstverständlichen aber ist die Verdrossenheit und Verärgerung, die sich unser bemächtigt, sobald wir gehalten werden, uns für das Selbstverständliche zu rechtfertigen. Die Sorte Unmut ist die gegenteilige Äußerung der selben Ursache. Wir können das Selbstverständliche nicht rechtfertigen, weil es uns in dem oben genannen Sinne gar nicht geläufig ist. Wir können es weder ohne weiteres zur Disposition stellen, noch kennen wir überhaupt einen Modus der Rechtfertigung. Andererseits ist immer das Selbstverständliche das eigentlich klärungsbedürftige. Es geschieht nicht zufällig, dass Menschen ständig wegen Selbstverständlichkeiten in Streit geraten. (...)
Selbstverständnis meint über das Selbstkonzept hinaus gleichzeitig immer die uns barmherzig vorenthaltenen Beweggründe. Unser Selbstverständnis leitet unser Abwägen an, aber es ist nur selten dessen Gegenstand. Und muss es dennoch einmal in misslicher Lage zum Gegenstand des Abwägens werden, tritt umstandslos Freudlosigkeit und Denkschlaffheit ein. Diese Antriebslosigkeit ist normalerweise der schützende Vorhang, der die konkreten Inhalte unseres Selbstverständnisses vor uns verbirgt und somit ihre Unversehrtheit, ihre Gültigkeit also, gewährleistet.
Inbetreff seiner selbstverständlichen Prinzipien ist deshalb jeder Mensch gleichermassen redselig, wie maulfaul;  das Selbstverhehlte reizt in dem Masse zur Enthüllung, wie es jeglichen Selbstbeforschungsdrang lähmt. Nicht jeder Gegen-Antisemit, will ich sagen, redet auch darüber. Je selbstverständlicher eine Haltung, desto unerwähnter bleibt sie oft.
Das alles hat höchstviel mit unserem Thema zu tun. Es hat uns gleich drei Einsichten vermittelt: Erstens, was völkische Begriffe sind; zweitens, psychologische Mechanismen, sowohl des jüdischen als auch des kommunistischen Selbstverständnisses und drittens, die Unlust, ein Urteil zu bereden, dessen Wertgrundlagen selbstverständlich sind.  

Kreativer Gegen-Antisemitismus 


 In den letzten Jahren trugen sich ein paar sehr phantasievolle Ausdeutungen und Erweiterungen des Antisemitismus zu. Es gibt in der Linken eine einflußreiche Strömung, die den modernen Antisemitismus für ein fehlgeleitetes antikapitalistisches Ressentiment anshieht und ihn also seines Spezifikums, nämlich gegen die Juden gerichtet zu sein, enthebt. In der Tat war Peter Hacks nie besonders verdruckst, sein antikapitalistisches Ressentiment heraus zu lassen. Wäre er also doch, auf eine verquere Weise ein Antisemit gewesen?
Natürlich ist abwegig, jeden Antikapitalisten, sei seine Kapitalismuskritik auch noch so schlicht, einen Antisemiten zu schimpfen. Man kann diesen Antikapitalisten gern Lottrigkeit und ungenügende Denkkonsequenz vorwerfen, aber gewiss nicht Judenfeindlichkeit. Zugestanden, der Antisemitismus hat in Zeiten des Kapitalismus auch eine unverkennbare antikapitalistische Komponente. Das ist so überraschend nicht, denn jede rassistische Ideologie ist gegen die bestehenden Verhältnisse mitgerichtet; sie macht politischen Gebrauch von völkischen Stereotypen, um das Übel der bestehenden Verhältnisse zu benennen. Trotzdem ist ein Antisemit ja kein Stotterer, der immerzu Kapitalismus sagen will, und stets beim Jude-sagen hängenbleibt. Selbst einem Antisemiten sollten wir —  im eigenen Interesse —  als “wohlwollende Interpreten“ entgegen treten: Wenn er “Jude” sagt, meint er in der Regel auch “Jude” und wenn er “Reicher” sagt, dann meint er einen Reichen.
Wer ist überhaupt darauf verfallen, er würde in der Regel den Kapitalismus meinen, wenn er “Jude” sagt? Ich habe das recherchiert. Die wesentlichen Zutaten dieser Theorie stammen aus dem Aufsatz “Nationalsozialismus und Antisemitismus. Ein theoretischer Versuch” von Moishe Postone. Darin erklärt er unter Hilfenahme marxistischen und freudschen Vokabulars die Shoa; recht eigentlich will er herausbringen, woher der moderne Antisemit sein judenfeindliches Ressentiment nimmt, bzw. wen oder was er wirklich meint, wenn er “Jude” sagt.
Bereits das Ansinnen ist töricht, auf die Ausführung komme ich gleich. Das Ansinnen, dem Denken der Antisemiten auf die Schliche zu kommen: Wie will man das bewerkstelligen? Wie will man die materielle Verursachung einer derart grotesken Überzeugung heraus bringen? Noch gibt es keine Methode, aus materiellen Umständen mentale Inhalte herzuleiten. Aber, selbst in dem Fall es gäbe eine Methode, welchen Wert hätte das an den Tag gebrachte? O, ich verstehe Postone! Ich kenne den ohnmächtigen Drang, wenigstens zu kapieren, wenigstens irgend nachzuvollziehen, was in den Köpfen der Massenmörder vorging, als sie Millionen ins Gas schickten. Wie tickten die Schlächter, warum konnten sie überhaupt “funktionieren”? Große jüdische Gelehrte wie George Mosse, Léon Poliakov und mindere, wie Daniel Goldhagen und Moishe Postone sind genau diesem brüllenden “Warum?” gefolgt, haben in den Eingeweiden des Antisemitismus gewühlt und in seinem Bregen -  und mußten alle ernüchtert einbekennen, dass die Geistesverfassung der Mörder keinerlei Besonderheiten aufwies. Das Monströse, das sie zu finden sich so mühten, es existiert nicht. Stanislaw Lem dazu in einem der klügsten Essays, die über die Shoa verfasst wurden: “Denn im Töten und nicht in den Köpfen der Mörder liegt das Geheimnis verborgen.” Die Rechtfertigungen, die von den obersten Sachwaltern bis hinab zu den niedersten Schergen der Shoah gefunden wurden, sind so platt, dümmlich und banal, wie die eines Penälers, der mit seinen Kumpanen ein paar Scheiben eingeschmissen hat. Es scheint, dass der Vorrat an Rechtfertigungen, auf den wir überhaupt zurückgreifen können, viel kleiner ist, als die Menge der Handlungen, die wir damit zu begründen suchen. Nein, es verlohnt nicht, ein Antisemitenversteher zu werden. Ein irrationales Vorurteil kann man nicht rational begründen. Der Antisemitismus ist eine nicht rechtfertigbare Überzeugung. Am Ende jeder Interrogation eines Antisemiten steht immer ein: Schulterzucken.
Reden wir noch über die Ausführung des unsinnigen Vorhabens. Aufs Wesentliche gebracht behauptet Postone, der Antisemitismus sei eine Übertragung, genauer, eine doppelte Übertragung. Zuerst eine Übertragung, welche aus einem antikapitalistischen Ressentiment eines mache, das sich allein gegen die so genannte “abstrakte Erscheinungsform” des Kapitalismus richte. Zweitens dann, eine weitere Übertragung, welche diese abstrakte Erscheinungsform wiederum im Judentum konkretisiert. - “Abstrakte Erscheinungsform”, damit schlägt Postone die eigentliche Brücke zu Marx und zum Materialismus, denn damit meint er den vom Gebrauchswert abgelösten Wert der Waren, das Finanz- und zinstragende Kapital, und schliesslich jegliche “äusserlichen, allgemeinen Gesetze” überhaupt.
Zur Beurteilung dieser Theorie genügt die Behauptung, der Antisemitismus sei im Grunde eine Übertragung. —  Was ist das eigentlich, eine Übertragung?  Nun, es ist ein Begriff aus dem Vokabular des Seelenkundlers Sigmund Freud, und meint so viel wie das Anhangen alter Gefühle an eine neue Sache. Ausführlicher beschreibt das Konzept den Vorgang, dass ein ganzer Gefühlskomplex —  Wünsche, Hoffnungen, Befürchtungen etc. —  von seiner ursprünglichen Verursachung abgelöst und mit einer anderen, neuen Sache verknüpft, als ob diese ihr Verursachendes wäre. Das ist der entscheidende Punkt: Übertragung beschreibt den Bruch einer rationalen Kausalität.
Zwar gelingt es Postone damit, das Irrationale des Antisemitismus auf rationale Weise zu begründen, aber gerade das Brechen der Kausalität disqualifiziert den Begriff Übertragung, mit seiner Hilfe die konkreten Verursachungen einer Überzeugung aufzudecken. Der Begriff sägt seinen eigenen Ast ab; was mit ihm erreicht werden soll, wird durch seine Bedeutung vereitelt. Den Beweis, dass es eigentlich das antikapitalistische Ressentiment ist, das uns infolge einer doppelten Übertragung als antijüdisches Ressentiment entgegentritt - den Beweis kann Postone nicht leisten und zwar prinzipiell nicht. Einmal, weil es keine Kausalität mehr gibt, denn das Verursachende ist in dem Verursachten nicht mehr enthalten. Ich stelle gar nicht in Abrede, dass dem Antisemitismus etwas wie Übertragung zugrunde liegen kann. Jedoch ist der übertragene Inhalt verloren gegangen und es steht sehr dahin, ob es überhaupt eine einheitliche Ursache gibt, von der ein Ressentiment abgelöst und auf die Juden übertragen wird. Zum Anderen ist Übertragung ein unbewusster Prozess, der sich auch durch Befragung der Betroffenen nicht einfach herausbringen lässt. Ergo ist es zwar möglich, dass Postone recht hat, bewiesen oder falsifiziert werden kann diese These jedoch nie. Und was wissen wir über Thesen, für die es prinzipiell keine Methode der Falsifikation gibt? Genau. Sie sind unwissenschaftlich.
Tajfel und Postone: Erkennen Sie das Gemeinsame ihrer Fehler? Beide betrachten sie isolierte Hirne unter Laborbedingungen; beider Theorien sind chronisch ahistorisch, weil sie einen hypothetischen Menschen hernehmen, der unbehelligt von den ideologischen Überrumpelungsversuchen der vorhandenen politischen Kräfte im Vakuum schwebt. Ich bin selbst Wissenschaftler, ich kenne das Bestreben Tajfels und Postones, das allgemein Gültige aus ihrem jeweiligen Gegenstand heraus zu präparieren. Aber es gibt keinen ideologiefreien Raum, nichteinmal in der Wissenschaft. Gerade in der nicht. Sehen wir also, um endlich die Geschichte herein zu nehmen, auf Hacksens Zeit und ihre konkreten Verumständungen in Bezug auf unsere Frage. Sehen wir auf den Antisemitismus in der DDR.  

Die Bodensatzreform
 

In den letzten Jahren sorgte eine Wanderausstellung mit dem Titel “Das hat’s bei uns nicht gegeben! Antisemitismus in der DDR” für viel öffentliche Erregung. Diese Ausstellung gastierte vorwiegend in Schulen, weil die 36 Tafeln, aus denen sie bestand, von Schülern in Projektgruppen hergestellt worden waren; ausserdem behauptete die Anfertigung eine aufklärerische Funktion, die natürlich immer auch ein Erziehungsanspruch ist. Über den eigentlichen Zweck der Ausstellung will ich gar nicht weiter spekulieren, und davon, dass die üblichen Halunken jene Ausstellung natürlich stracks zum Anlass nahmen, ihren einstudierten Hass auf die DDR zu ventilieren, muss hier auch nicht eigens Erwähnung getan werden (Wolf Biermann z.B.: Es sei “ungesund” gewesen, in der DDR Jude zu sein.).
Hingegen betrifft die Hauptthese der Ausstellung unseren Gegenstand. Sie lautet, es hätte in der DDR, die ja Hacksens Wahlheimat war, einen nicht näher bezifferten “antisemitischen Bodensatz” gegeben, der jedoch seitens des Staates systematisch verschwiegen worden wäre. Eine “Aufarbeitung” des Antisemitismus nach dem zweiten Weltkrieg wäre durch den “verordneten Antifaschismus” effektiv verhindert worden; die Verordnetheit nämlich hätte ihn zu einer inhaltlosen Formel entwertet und also den besagten Bodensatz fest sedimentieren lassen.
In dieser Bodensatzreform haben wir sehr hübsch all das beisammen, das auch in dem Leerstellenvorwurf gegen Hacks mitgesagt werden soll: Antisemitismus von links, der Vorwurf des uneingestandenen Selbstbetrugs und der des planvollen Verschweigens. Wohlan!, auch ich habe meinen aufklärerischen Anspruch. Ich entwirre Stück für Stück.
Staatsräson und Wirklichkeit: Die Frage lautet natürlich nicht, ob sich in der DDR irgendwelche antisemitischen Vorfälle zutrugen. Sicher, es gab diesen “Graswurzelantisemitismus”, den Antisemitismus des kleinen Mannes, Grabschändungen, Schmierereien, Beleidigungen, geschmacklose Witze. Nein, die Frage geht nicht, ob der Antisemitismus stattfand, sondern nach seinem Ausmaß und vor allen Dingen nach seinem System. Wer war für diesen Antisemitismus verantwortlich, wer nahm ihn in Dienst? Genauer: Welche Mitschuld trifft den Staat an diesen Antisemiten? Welchen Raum hat die DDR dem Antisemitismus gegeben? Und allgemeiner dann: Welchen Einfluß soll ein Staat überhaupt auf die Haltungen und das Selbstverständnis seiner Bürger nehmen?
Ein Staat hat drei Möglichkeiten zum Antisemitismus: Erstens, indem er ihn offen ausübt. Zweitens, indem er ihn zwar nicht ausübt, aber duldet. Drittens, indem er ihn zwar nicht duldet, aber die Mechanismen für seine Latenz perpetuiert.
Die Bodensatztheoretiker haben es sich einfallen lassen, der DDR zur Last zu legen, daß in ihr der Antisemitismus weder offiziell ausgeübt, noch geduldet war. Sie nennen das einen “verordneten Antifaschismus” und führen weiter aus, dieser hätte untergründig - also qua Möglichkeit Nummer drei - den Antisemitismus befördert.
Aber langsam. Tatsächlich ist evident, dass die ersten beiden Möglichkeiten - offene Ausübung und Duldung - in der DDR nicht stattfanden. Der Antisemitismus war nie Bestandteil der offiziellen Staatsräson oder des Alltags; es handelte sich um ein randständiges Phänomen, das weder konstitutiv für die DDR, noch ihr irgend wesensimmanent war. Im Gegenteil. Antisemitische Äußerungen oder gar Taten galten in der DDR als schweres Kriminaldelikt. Sie wurden verfolgt und im Falle man der Täter habhaft werden konnte, mit Strafen belegt, deren Härte so manchen zeitgenössischen Judenschützer zittern machte. Verhielte es sich anders, und der Antisemitismus wäre in der DDR offen ausgeübt oder auch nur geduldet worden, dann fänden sich die Bodensatztheoretiker auch nicht in der mühseligen Lage, darüber aufklären zu müssen, dass es tatsächlich antisemitische Vorfälle in der DDR gegeben hat; dann fänden sie sich nicht auf das ungestalte Wort “Bodensatz” zurück gestutzt.
Die DDR, das bestreitet nicht einmal diese kindergemachte Ausstellung, hatte ein antifaschistisches, internationalistisches, antiimperialistisches, sozialistisches, kurz: unvölkisches Selbstverständnis, und wenn sie in völkischen Kategorien sprach, dann höchstens in Wörtern wie “Völkerfreundschaft” oder “Völkerverständigung”. Mag sein, daß das hohle Phrasen waren; alle völkischen Kategorien, das haben wir unterdes gelernt, sind von außen besehen hohl, selbst das Wort “Jude”.
Kann ein “verordneter Antifaschismus” den Antisemitismus befördern? Es lohnt, das Verhältnis von Antifaschismus und Antisemitismus in der DDR genauer zu untersuchen. Faschismus und Antisemitismus meinen ja, auch wenn das oft zusammenkleistert, nicht das selbe: Während Antisemitismus ein rassistisches Ressentiment meint, bezeichnet Faschismus sowohl eine rassendarwinistische, völkische Ideologie, als auch eine politische Bewegung und eine historische Epoche. Der Unterschied ist entscheidend, wenn man die Haltung der DDR zur Judenfrage verstehen will. Der Antifaschismus nämlich galt den Errichtern der DDR nicht als bloße Ideologie, sondern er war ihre eigene Biographie. Fast alle hatten sie einen mörderischen Kampf mit den Faschisten durchstanden, und niemand war unter ihnen, dem die Faschisten nicht einen Freund erschlagen hatten. Sie waren gewissermassen dem selben Feind entronnen, wie die Überlebenden der Shoa. Finden Sie, verehrter Leser, es nicht nachvollziehbar, dass sich diese Leute, wenn auch mehr Feinfühligkeit und Generosität wünschenswert gewesen wäre, in keiner besonderen Bringschuld gegen die Juden empfanden? Ich finde diese Haltung zumindest für die ersten Nachkriegsjahre unheikel. Der “verordnete” Antifaschismus war eine gemeinschaftsstiftende Haltung, welche die richtige Lehre aus der Vergangenheit zu ziehen suchte.   Komme ich zu den heiklen Kapiteln. Der Antisemitismus hat sowenig vor den Köpfen der Kommunisten halt gemacht, wie der Kommunismus vor denen der Juden. Das meint, es gab unter Kommunisten, und auch unter den Funktionären in der DDR, Antisemiten. Beispielsweise trug sich 1979 eine unschöne Episode zwischen dem Schriftsteller Stephan Hermlin und dem Mitglied des ZK der SED Otto Gotsche zu, in deren Verlauf Hermlin den Gotsche anfuhr: “Wir unterscheiden uns, daß ich ein Jude bin und Du ein Antisemit.” - Was war passiert?
Gotsche wollte verfügen, dass man den Faschismus nicht auf den Antisemitismus reduzieren solle. Hermlin, wütend: “In Wirklichkeit ist es so, daß es in der DDR seit mindestens zehn Jahren zu einer Peinlichkeit geworden ist, das Wort Jude (...) auszusprechen. (...) In Wirklichkeit ist es so – und diese historische Wahrheit ist erst mal herauszustellen -, daß die gemeinste, die blutigste Untat des Faschismus die Ausrottung des Judentums gewesen ist. Das ist Nummer eins, das kann nicht reduziert werden. Dazu sitze ich hier, um dafür zu sorgen. Das bin ich meinem Vater schuldig.”
Was hier aufeinanderprallt, das sind zwei unterschiedliche Erfahrungsweisen der selben Sache. Ich rede nicht davon, daß sich im weiteren Verlauf der Diskussion herausstellte, daß Gotsche tatsächlich ein Antisemit war, sondern davon, daß der eine den Faschismus als kommunistenmordend und der andere als judenmordend erlebt hatte. Ich schlage vor, in dieser Sache wie folgt zu entscheiden: Unter allen Opfern der Faschisten kommt den Juden in der Tat eine Sonderrolle zu. Keine andere Gruppe wurde so unerbittlich, so systematisch, so vollständig vernichtet; für niemanden sonst hatten die Nazis eine “Endlösung” vorgesehen. Aber das ist schon alles; es leiten sich aus dieser historischen Sonderstellung keine moralischen oder anderen Vorrechte her. (LINK ZUR NACHDENKLICHEN KRANKENSCHWESTER) Noch weniger jedoch läßt sich aus dem nationalsozialistischen Antisemitismus eine ordentliche Theorie des Faschismus gewinnen. Genausowenig natürlich, wie aus dessen Antikommusnismus.
Welche Theorie zum Faschismus herrschte in der DDR? Im Wesentlichen vertrat man den Dimitroff: Der Faschismus wäre “die offene terroristische Diktatur der reaktionärsten, am meisten chauvinistischen, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals.” Diese Bestimmung war von 1935 und sie war, trotz ihrer unübersehbaren Einseitigkeit, eine gewaltige Richtigstellung gegen die fatale Irrlehre vom Sozialfaschismus. In der DDR galt Dimitroff dann bis 1989 und während dieser Zeit wurde er ein Fehler. Der lag darin,  die Kapitalisten allein für den Faschismus verantwortlich zu machen. Diese Charakterisierung übersieht, dass die Beherrschten, wofern sie nicht gerade revoltieren, das Spiel der Herrschenden stets mitspielen. Bis zur Revolution kooperieren sie mit ihren eigenen Ausbeutern und also auch bei deren Schandtaten; kann sein, sie waren verführt, aber wieso sollte das ihre Schuldfähigkeit mindern? Auch Angestiftete werden verurteilt. Falsch an Dimitroff war nach dem Krieg, die Arbeiterklasse pauschal von ihrer Mitschuld am Faschismus und an der Shoa frei zu sprechen.
Aus dem Dogma, dass die Arbeiterklasse stets revolutionär, und, wo verführt, schuldlos sei, läßt sich indes keine planvolle Perpetuierung des Antisemitismus oder ein Verschweigen des Judenmords konstruieren. Im Gegenteil, in der DDR wurde der Shoa in Filmen, Ausstellungen, Mahnmahlen, Theaterstücken und natürlich auch im Geschichtsunterricht erinnert. Uneingestanden in der DDR war nichteinmal das Mittun der Arbeiterklasse an der Judenvernichtung, uneingestanden war lediglich ihre Schuld. Das ist ein Fehler, aber es ist selbstredend keine staatlich beförderte antisemitische Praxis. Der Antisemitismus konnte zwar fortfahren, in kümmerlichen Nischen zu existieren, aber er konnte nicht gedeihen; er war nicht wegen der DDR, sondern trotz ihr. Der Streit zwischen Gotsche und Hermlin übrigens ging auf Betreiben Kurt Hagers mit einer Parteirüge für Gotsche aus.
Überhaupt gab es in der DDR einen regelrechten Klassenfetisch bei der Beurteilung historischer Umstände. In diese Obsession ordnet auch das Verhältnis der DDR zu Israel. Der Antizionismus, der zeitweise in der DDR doktrinär war, speiste sich, im Gegensatz zum völkischen oder religiösen Antisemitismus aus dem Dogma vom Klassenkampf, bzw. darüber vermittelt aus dem Dogma des Antiimperialismus. Anders als der arabische Antizionismus hat er nie das Existenzrecht Israels in Frage gestellt. Das sozialistische Lager hatte lediglich nach dem 6-Tage-Krieg, nach welchem die USA damit begannen, das Halten zu Israel zu ihrer neuen Doktrin zu machen, die Seiten gewechselt. Bis zu dieser Zeit waren die Waffen der israelischen Armee in Sibirien hergestellt worden.
Ich gebe zu, die Haltung der DDR gegen Israel war nicht über jede Kritik erhaben. In dieser Frage hätte ihr eine neutrale Politik, wenn es soetwas überhaupt gibt, besser geziemt. Aber die DDR hat nicht empfunden, dass Israel der Staat der Juden und die DDR ein Staat schuldbeladener Deutscher war. So wenig völkisch war die DDR. Es gibt übrigens eine weithin unbekannte Episode, die vermuten läßt, dass die DDR dennoch eine untergründige Scham gehegt haben muß: Im Jahr 1976 hat das Komitee der antifaschistischen Widerstandskämpfer bedürftigen US-Bürgern jüdischen Glaubens, die Verfolgte des NS-Regimes waren, finanzielle Unterstützung angeboten. Insgesamt belief sich das Angebot auf umgerechnet rund eine Million Dollar, nicht viel für die Opfer, aber viel Geld für die Verhältnisse der DDR. Die „Conference on Jewish claims against Germany“ lehnte ab.
Warum aber sah die DDR in Israel einen imperialistischen anstatt eines jüdischen Staates? Warum behandelte sie die Juden ganz wie die anderen Opfer der Faschisten auch? Und warum behauptet Hermlin, dass es in ihr zu einer Peinlichkeit geworden wäre, das Wort Jude auszusprechen?
Die DDR gestand den Juden nach dem Krieg keine fortgesetzte Sonderrolle zu. Keine positive, keine negative: überhaupt keine. Ihr war die Ablehnung völkischer Kategorien selbstverständlich. Erinnern Sie sich, was wir über die Selbstverhehlung des Selbstverständlichen gelernt haben? Jedem Bürger gestand sie unabhängig von dessen völkischer Herstammung die selbe gesellschaftliche Normalität zu. (Gut, der gewissenhafte Historiograph müsste hier wahrscheinlich eine Ausnahme für den Fall der Sorben zugeben.) Was viele Juden als Verschweigen, als Ignoranz oder Gemeinheit empfanden, war in Wirklichkeit die Manifestation eines humanistischen Menschenbildes, in dem jeder seine Herkunft frei begreifen durfte.
Freiheit ist nicht jedermanns Sache. Freiheit und Erwachsenwerden gehören zu jenen erstrebenswerten Gütern, deren Eintreffen sich immer ganz anders anfühlt, als erhofft. Nachher glorifiziert man nicht selten die Kindheit. Nach Jahrhunderten des Antisemitismus und des Ringens um die eigene Identität muss es vielen Juden ungeheuerlich vorgekommen sein, dass ihre völkische Zugehörigkeit plötzlich nicht mehr Gegenstand der Öffentlichkeit war. Der Fortschritt erschien ihnen als Nichtachtung.  Jude, das Wort war natürlich kein Tabu in der DDR. Es war lediglich unwichtig. Es wurde nicht gebraucht, nicht vom Staat und nicht im Zeitungsdeutsch. Staatshumanismus ist das allgemeine Befugnis der Bürger, ihre Selbstzuschreibungen als Privatsache zu handhaben. Erinnern wir uns, dass der Sinn aller Selbstzuschreibungen das Selbstverständnis ist, folgt unmittelbar, dass sie nur im Staatshumanismus ihrer eigentlichen Bestimmung zugeführt werden. Aber jede Sache, Humanismus oder Kriminalität, gewinnt, zur Staatsräson gemacht, eine neue Qualität.  Eine Haltung, die sich der Staat zu Eigen macht, ist etwas anderes, als die selbe Haltung, privat angeeignet; hieraus folgen Konflikte.
Dass der Staatshumanismus ausgerechnet im Anschluss an die Shoa eintrat, hat gewiss eine historische Folgerichtigkeit, aber er kollidierte offensichtlich mit den Bewältigungsstrategien einiger Juden. Manche müssen immer reden, reden und reden, bis sie mit einem Trauma durch sind. Andere schweigen, bis es durch ist. Es gehört zu den schwierigeren Lebensaufgaben beider Gruppen, einander zu ertragen.
Mein Großvater, Samuel Mitja Rapoport, empfand als wohltuend, dass sich sein Staat so äusserst wenig um sein jüdisches Herkommen scherte. Die Nazis hatten ihm seinen besten Freund, den jüdisch-österreichischen Dichter Jura Soyfer im Konzentrationslager ermordet. Meines Großvaters Trauer um ihn war seine private Sache, was ging sie den Staat an? Er sprach gern von Jura, aber für die Öffentlichkeit taugte weder dessen Judesein, noch dessen Opfersein; für die Öffentlichkeit sollten seine Werke sein. Meine Großmutter, Ingeborg Syllm-Rapoport und mein Vater, Tom Rapoport, die beide viele Jahre in den USA und Deutschland gelebt haben, berichten übereinstimmend von der DDR, daß sie der Ort war, an dem sie den wenigsten Antisemitismus erfahren hätten; mein Vater erinnert sich überhaupt nur eines einzigen unerheblichen Vorfalles. Der jüdische Virologe Hans-Alfred Rosenthal, ein guter Freund meiner Großeltern, pflegte am Schabbat in den Tempel, Rykestraße 53, zu gehen; den Rest der Woche war er ein guter Kommunist und von Fragen nach seinem Selbstverständnis unbehelligt.
Kurz und gut, ich kann den Juden, die sich über die Maulfaulheit der DDR in jüdischen Angelegenheiten empören, eine Anzahl Juden entgegenhalten, denen diese Maulfaulheit als himmlische Ruhe vorkam. Es spielt dabei keine Rolle, ob es Verdrängung war, oder ein internationalistisches Selbstverständnis, welches dieses Empfinden anleitete. Entscheidend bei der Beurteilung ist, dass die DDR seit Jahrhunderten der erste deutsche Staat war, der es ermöglichte, mit gleicher Selbstverständlichkeit Staatsbürger und Jude zu sein.
Eine derart weitgehende Trennung von Staat und völkischem Selbstverständnis haben die Bürger anderer Staaten nie erfahren. Ich bringe das zur Entschuldigung von Hermann Gremliza. Er kann, vermute ich, gar nicht nachfühlen, wie irrelevant die Judenfrage in der DDR geworden war. Denn das war sie ja, und aus nachvollziehbaren Gründen, in der Bundesrepublik nie. Was viele in der DDR als weiße Weste empfanden, das wird aus seiner Sicht zu einem weissen Fleck auf der ideologischen Landkarte. Und damit hat er - aus seiner sehr befangenen Sicht - sogar ein bisschen Recht.   Das Kapitel zu beschliessen will ich noch auf den latenten Antisemitismus zu reden kommen. Ich kann das kurz machen. Vom latenten Antisemitismus sage ich als Jude, dass er mir im Grossen und Ganzen Wurscht ist. Ob er untergründig perpetuiert, in muffigen Familien weitervermittelt und von dämlichen Stereotypen evoziert wird, finde ich uninteressant. Am Antisemitismus interessiert allein sein öffentliches Wirken und seine politische Instrumentalisierung. Das zu erkennen heißt nicht nur, ihn soweit als nötig, sondern, soweit als überhaupt möglich zu begreifen.
Natürlich begrüsste ich, wenn man den Antisemitismus in den Köpfen der Menschen aushungerte. Ich weiß nur nicht, wie das gehen soll. Er ist verdammt zählebig. Wenn er schon in einer derart kargen und feindseligen Umgebung, wie es die DDR war, überdauern konnte, dann müssen wir uns wohl oder übel darauf einstellen, dass es nicht allzu bald mit ihm zu Ende geht. Gern würde ich sein Verenden beschleunigen. Aber solange der Antisemitismus nur latent und nicht ausgesprochen, nicht in die Tat umgesetzt, und vor allem (!): nicht politisch indienst genommen ist, solange gibt es wenig Handhabe. Also interessiert mich das nicht. So muss ich wenigstens  nicht die anscheisserischen Mühen eines Gedankenpolizisten auf mich nehmen. Ich weiß, es gibt Juden, die leben davon. Ich wollte sehr, sie wären arbeitslos. Andererseits, die Wünschelrutengänger des Antisemitismus sind harmloser, als die latente Gesinnung nach der sie gehen. Am Ende geht mit beidem zu leben. Nicht zu leben geht in einer Welt, in welcher der Judenmord geduldet wird oder, wie im Faschismus, zur Staatsdoktrin.  

Letztes Kapitel: Hacks und der Antisemitismus 

Das siebenundfünfzigste Jahrhundert nach Erschaffung der Welt war nicht nur für die Judenheit ein eschatologisches Jahrhundert. Dem Christentum entsprangen die Schäfchen rudelweis, und sie hüpften geradewegs in den aufgerissenen Wolfsrachen der neuesten Verheissungsideologien. Seit der französischen Revolution, spätestens seit der, hatten Duldsamkeit und Gottgefälligkeit der Massen ein Ende. Die Massen haben von der bürgerlichen Revolution die Lust am Umsturz gelernt. Der Gedanke kam in Schwang, die Geschicke der Menschheit könnten von ihr selbst ein für alle mal entschieden werden. In Deutschland sah das so aus: Es begann mit dem Lenzglauben, nun müsse sich alles, alles wenden und hörte dann erst mit der tatsächlichen “Wende” auf. Dazwischen lagen ein paar missglückte Revolutionen, zwei verlorene Weltkriege und, als gräßlicher Höhepunkt eschatologischer Irrheit, die “Endlösung”.
Das zwanzigste Jahrhundert trat als zwar Kampfplatz großer Ideologien ins Leben, aber deren Fleischwerdung war bereits in vollem Gange. Kommunisten, Sozialisten, Anarchisten und Völkische bereiteten ihre Revolutionen vor. Sie alle waren vom Gedanken einer letzten Schlacht beseelt, nach deren Sieg das “Ende aller bisherigen Geschichte”, das “tausendjährige Reich”, mindestens aber eine “Umwertung aller Werte” stattfinden würde. (Finden Sie es nicht seltsam, wie mundzahm sich der um Wortgewalt stets bemühte Nietzsche in dieser Reihe ausnimmt?) Das zwanzigste Jahrhundert gierte nach Menschheitsentscheidungen, es lebte in riesenhaften Erwartungen und fürchterlicher Ungeduld. Industrialisierung, Massenproduktion, Elektrifizierung, Verstädterung, die rasende Entwicklung der Transportmittel und das Aufkommen der Medien hatten ein Empfinden ständiger Beschleunigung erzeugt; Beschleunigung, die, wie ein Fluß  auf einen Katarakt, auf eine gigantische Krisis, einen allgemeinen Umschlag zulaufen musste. Nach dem Sturz würde sich das Flussbett wieder weiten, und der Strom der Zeit gemächlich durch die nächsten Jahrtausende gleiten.
Der einzige deutsche Politiker des zwanzigsten Jahrhunderts, der den Fortschritt wollte, ohne dazu gleich ein Harmagedon zu benötigen, war Walter Ulbricht. Alle anderen wollten den Fortschritt entweder sofort und unter allerhand Rauch und Getöse, oder sie wollten ihn überhaupt nicht. Ulbricht wollte ihn in seiner einzig möglichen Form. Gerade, als sein Neues Ökonomisches System den allgemeinen Eindruck erweckt hatte, es würde morgen, spätestens aber nächste Woche Kommunismus eintreten, verkündete er, der Sozialismus sei nicht, wie vordem gedacht, eine kurze Übergangsphase, sondern eine “relativ selbständige sozialökonomische Formation in der historischen Epoche des Übergangs vom Kapitalismus zum Kommunismus”. Der Tischlerlehrling Ulbricht hatte verstanden, dass der Fortschritt allein durch Vermittlung von Beharren und Veränderung ins Werk gesetzt werden könne.
Wissen Sie, was ein quasistatischer Prozess ist? Das Wort ist eine Idealisierung aus der Thermodynamik und bezeichnet eine Veränderung, die sich so langsam vollzieht, dass sich das bewegte System zu jedem Zeitpunkt im Gleichgewicht befindet. Das ist die Idee Ulbrichts: der Sozialismus als zeitlupenhaft langsam vollzogene Revolution zum Kommunismus, der Sozialismus als eine Sukzession von Gleichgewichtszuständen. Hacks nannte das Staatskunst und befand, sie wäre Voraussetzung für das Sich-ereignen von Klassik. Sollte Ihnen jemals zustossen, es begeben sich ja manchmal die abwegigsten Situationen, dass Sie einem Naturwissenschaftler Hacksens Klassikbegriff erläutern wollen, sagen Sie ihm einfach: Quasistatischer Prozess. Er weiss dann schon.
Über Hacksens Konzept einer sozialistischen Klassik ist schon viel gesagt worden; man findet alles dazu in seinen Essays und das Übrige bei seinem bedeutsamsten Exegeten Felix Bartels. Shakespeare, Goethe, Hacks, diese Dichter eint, schreibt Hacks, dass sie unter politischen Verhältnissen lebten, in denen der Ausgleich zwischen zwei zur Herrschaft drängenden Klassen Staatsräson war. Die leibhaftige Erfahrung dieser Politik sei notwendige Voraussetzung für eine klassische Haltung beim Verfassen von Dramen. Klassische Haltung meint, dass jeder Figur sowohl ihr subjektiv, als auch ihr historisch gerechtes Für und Wider beigemessen werde.
Offen gesagt, ich halte diese Theorie für Blendwerk. Sie war das Resultat von Hacksens Kopfzerbrechen, wie er selbst zu begründen sei, sein Werk, seine Haltungen und sein Herkommen. Alle Selbstzuschreibungen sind Blendwerk. Wie wir wissen heisst das nicht, alles an ihnen ist falsch; das heisst allein, in ihnen ist viel Wunsch und Selbstverhehltes. Die meisten Selbstzuschreibungen sind deshalb ohne Reiz. Nicht so Hacksens; bei ihm haben sie sogar die Anmut einer Theorie. Es spielt keine Rolle, ob die zutrifft. Sie verrät, will ich sagen, mehr über Hacksens Selbstverständnis als über den Sozialismus oder die Klassik. So verstanden kann ein Blendwerk die reinste Wahrheit sein.
In Hacksens Weltanschauung, beweist das, war kein Platz für Eschatologie. Es würde aufs Absehbare immer weiter gehen mit der Menschheit. Stets würde sie, getrieben durch den Interessenkonflikt der vorwaltenden Klassen, Häßliches und Erhabenes hervorbringen; nur deshalb könne sich überhaupt Kunst ereignen. Nur deshalb auch könne es Kunst geben, deren Gültigkeit nach Jahrtausenden misst, Klassik eben. Für letzte Dinge hatte Hacks, trotz aller Barbarei des zwanzigsten Jahrhunderts, keinen Sinn. Sie erwiesen sich ihm als nicht kunstfähig; aus ihnen liess sich höchstens, und auch nur unter Mühen, ein halbwegs anständiger Kitsch verfertigen.
Die Zusatzbestimmung “sozialistisch” in der sozialistischen Klassik meint, Hacks nahm an, dass die Klassenkämpfe des Kapitalismus samt ihrer ideologischen Ausprägungen im Sozialismus durch wären. Einer genuin sozialistischen Klassik obläge die künstlerische Gestaltung der neuen Konflikte des Sozialismus. Ihren Stoff, so Hacksens Diktum, solle die sozialistische Klassik den Kämpfen der sozialistischen Gegenwart entnehmen und in den erlesensten Formen der Klassik abbilden.
Man sieht, dass in Hacksens sozialistischer Klassik aus zweierlei Gründen kein Platz für den Antisemitismus war; weder ging er mit dem “sozialistisch”, noch mit der Klassik irgend zusammen. Der Antisemitismus galt Hacks als eine überwundene bürgerliche Ideologie. Im Sozialismus mit seinem unvölkischen, internationalistischen Selbstverständnis war er anachronistisch geworden. Brecht, befand Hacks, war der letzte große Dichter, der die Konflikte des Imperialismus gestaltet hatte; Brecht wäre zugefallen, das große Drama über die Shoa zu schreiben. Er, Hacks, war bereits eine Stufe weiter im “Stufengang der Entwicklung des Prinzips, dessen Gehalt das Bewußtsein der Freiheit ist”.
Soviel zur Unvereinbarkeit des “sozialistisch” mit dem Antisemitismus; für die Klassik wiederum war der Antisemitismus zu offensichtlich unsinnig, zu einseitig, und, nach der Shoa, zu endzeitlich, zu eschatologisch. Nichts an ihm eignete sich zur Ausgewogenheit; nichts zur Gestaltung eines klassischen Dramas.
Vielleicht ist Ihnen nun der Verdacht erwachsen, ich extrapolierte das alles aus Hacksens sozialistischer Klassik heraus. Ich wäre ein schlechter Wissenschaftler, wenn ich mein erstes Hauptargument nicht besser recherchiert hätte. In einem Brief an Heinar Kipphardt schrieb Hacks 1967 (demselben Jahr, in dem Ulbricht die relativ selbständige Formation verkündete):“Ich wittere die Unterstellung, daß in der sozialistischen Wirtschaft Lohnarbeit und also eichmännische Möglichkeiten stecken. Ich würde da streiten. Unsere Gesellschaftsformation, die in der Erscheinung reine Warenproduktion vorführt, zeigt zugleich schon viel von ihrem Wesen, das in der Produktion von Gebrauchswert besteht. (...) Ohne die Eichmann-Story sehr gut zu kennen, glaube ich nicht an die Tauglichkeit dieser Person fürs Drama. Er ist, wie Hitler, langweilig dadurch, daß er gar kein bißchen Recht hat, und er ist noch langweiliger als Hitler dadurch, dass er ein langweiligerer Mann ist als der.”  In einem voran gegangenen Brief an Kipphardt hatte Hacks über die Eignung Hitlers zum dramatischen Stoff gesagt:“Ein Stück über Hitler, das ist so simpel, dass es schon frech ist. Jeder sieht, daß das gut gehen muß, aber ich habe keine Ahnung, wie man es macht. Die furchtbare Konkurrenz des Ui kann man eigentlich nur umgehen, wenn man, statt einer Historie, ein richtiges Drama schreibt, resultierend aus einem einzigen Widerspruch. Und ich finde keinen Widerspruch an oder in diesem Hitler. Er war ein Schurke, und er hatte das Pech zu verlieren.”
Man kann der Meinung sein, und berechtigt, dass Hacks es sich zu einfach mit Hitler und Eichmann: mit dem Faschismus und dem Antisemitismus also gemacht hat. Wenn richtig ist, dass klassische Dramen immer das allgemein Menschliche aus einer konkreten Haltung präparieren, und ferner richtig, dass im Antisemitismus, allein schon, weil er die Jahrhunderte überdauern konnte, etwas allgemein Menschliches enthalten sein muss, dann folgt, dass auch der Antisemitismus als Haltung zu einem klassischen Drama sich eignet. Weil der Antisemitismus jedoch ein irrationales Vorurteil ist, folgt gleichfalls, dass es ein dunkles, psychologisierendes Drama sein müsse, eines, dessen Figuren nach nicht rechtfertigbaren Haltungen handeln. So allgemein menschlich das Irrationale auch sein mag, so wenig mochte Hacks es als Sujet. Es lag ihm äusserst fern.
Das ist mein zweites Argument. Hacks war ein überaus heller Dichter. Seine Figuren handeln stets verständlich, das heisst, aus rationalen Motiven. In diesem Selbstverständnis kam Hacks von Aristoteles. Ein Drama schreiben heißt einen Widerspruch darstellen. In Widerspruch geraten Menschen, weil sie nicht anders können, oder weil sie nicht anders wollen. Ein dramatischer Widerspruch ist immer eine Vermischung dieser Umstände, aber jeder Dramatiker bevorzugt unterschiedliche Mischungsverhältnisse. Hacksens Figuren handeln eher aus Willen, denn aus Zwang; das war seine Lust am Menschen. Dessen Willen plausibel zu machen, und in ihm eine historische Haltung zu konkretisieren, war Hacksens Tugend. Ich weiss nicht, wie ich es nehmen soll, dass ausgerechnet sein am meisten irrationales Stück “Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe” den größten Erfolg hatte. Vielleicht lag es am deutschen Publikum. Immerhin muss man einräumen, dass selbst die “Stein” unerhört hell von einem so dunklen Gegenstand redet, wie es gekränkte Liebe ist.
Da haben wir nun alle Hauptgründe, deretwegen Hacks kein Stück über den Antisemitismus machte: Der Antisemitismus ging weder auf den Sozialismus, noch auf die Klassik, noch auf Hacksens Dichtart. Das Fehlen dieses Dramas indes macht noch keine bedenkliche Leerstelle. Dass nach Auschwitz kein Gedicht mehr geschrieben werden könne ist ja mindestens ebenso übertrieben, wie zu verfügen, jeder Dichter müsse nun eines zu dem Thema abliefern.
Schliesslich, gänzlich maulfaul war Hacks in Sachen Antisemitismus denn doch nicht. Er hat ihn nur in einer aus seiner Sicht angemessenen, d.i. minderwertigen Kunstform behandelt. Es ist nicht möglich, über Hacks und den Antisemitismus zu reden, ohne von seinem Essay ”Ascher gegen Jahn. Ein Freiheitskrieg” zu handeln. Diese meisterhafteste seiner Brandschriften ist jene Ausnahme, die ganz im Eingang dieses Aufsatzes angekündigt war.
In dem Essay stellt Hacks den jüdischen Schriftsteller Saul Ascher als einen von seinen Leuten vor, und er läßt ihn antreten gegen den Turnvater Friedrich Ludwig Jahn, der so ziemlich alles verkörperte, was Hacks anwiderte: “Irgendeinen menschlichen Zug hat ja sonst jeder, nur eben Jahn nicht. Wer so denkt wie Jahn, muß nicht auch noch sprechen wie Jahn, wer so spricht, muß sich nicht auch noch so aufführen, wer sich so aufführt, muß nicht auch noch so aussehen.”  Ascher gegen Jahn, das steht für den Hacks'schen Weltkonflikt Klassik gegen Romantik, also für Staat gegen Partikeln, Recht gegen Privilegien, Freiheit gegen Barbarei, Vernunft gegen Irrationalität, Sozialismus gegen Revisionismus, kurz: es steht für Hacks gegen seine Feinde. Und es steht auch, weil Ascher ein Jude war, der sich gleichermassen gegen den Antisemitismus und die Rückständigen unter seinen Glaubensgenossen wandte, für Aufklärung gegen Judenhass. Eingestanden, Ascher wandte sich nicht gleichermassen. Gegen die aufkommende Modernisierung des religiösen Antisemitismus focht er stärker. Von seiner Frühschrift “Eisenmenger der Zweite” handelt Hacks:“Der Titel will erklärt sein. Der erste Eisenmenger war der Julius Streicher des Spätbarock. Er hatte Ende des siebzehnten Jahrhunderts ein Pogromhandbuch verfaßt, welches ein Standardwerk geworden war; Clemens Brentano hatte es immer auf seinem Nachttisch liegen. Der Vergleich Fichtes mit Eisenmenger beweist Aschers Scharfsinn.
Johann Gottfried Fichte hatte, bis er nach Berlin kam, um dort freischaffend zu wirken, in Weimar die Rolle des Dorfclowns gespielt. Sicher hat niemand vor oder nach ihm aus Kants Denkansatz so alberne Folgen abgeleitet wie er. Ascher erkannte unter der Albernheit die Gefahr. Er erkannte Fichte als den zweiten Eisenmenger und eigentlichen Feind. Er überschaute augenblicks, daß Fichtes närrische Ideen die gedankliche Grundlage aller künftigen Pogrome bilden würden.
Sowohl der Antisemitismus der Aufklärer als - zu deren Ehre gesagt - noch der märkischen Krautdenker war soziologisch begründet; beide sind, so Ascher, “politische Gegner der Juden”. Erst die Gobineau-Wagner-Chamberlainsche Hetze würde sich biologisch untermauern und folglich nach der biologischen Lösung, dem Tod aller Juden, verlangen. Eben diese vernunftlose Hetze aber war es, die Fichte mit seiner anthropologischen Verurteilung der Juden vorbereitete. (...) Merkwürdig daran ist, erläutert Ascher, daß “die Wissenschaft, das Judentum zu hassen, seit Eisenmenger zu einer außerordentlichen Vollkommenheit gediehen ist” und mit Fichte “eine neue Epoche des Judenhasses beginne”, welche “die Rechtmäßigkeit des Begriffs Judenhaß - a priori deduziere”. 

Hand aufs Herz: Hätten Sie gewusst, wer Johann Andreas Eisenmenger war? War Ihnen der Name Arthur de Gobineau ein Begriff? Und wie geläufig ist Ihnen, dass von den unzähligen Chamberlains Hacks einen wandernder Teutschdümler mit Vornamen Houston Stewart meinte? --  Diese Namen sind , gottseidank, wenig kursierend. Folglich kann ich sie zum Beweis nehmen, dass Hacks sich mit dem Antisemitismus beschäftigt haben muss. Auch wenn Wissenschaftlichkeit und Redlichkeit erforderten, dass ich mich ins Marbach'sche Hacks-Archiv bequemte: Ich bin blindlings bereit, jede Wette anzunehmen, daß sich in Hacksens Notizen und Lesefrüchten etliches dazu findet. Hieraus wiederum erhellt: Hacks befand den Antisemitismus nicht nur zum dramatisches Sujet untauglich; selbst als Denksujet war er ihm zu kümmerlich. Das ist mein drittes Argument. Auch die Lektüre der eifrigsten Antisemiten konnte ihm lediglich vermitteln, wie überaus widervernünftig diese Leute dachten. Die wenigen Sätze, die er sich zur Bestimmung des Antisemitismus abzwang, stehen im selben Buch “Ascher gegen Jahn”, in dem Kapitel “Die Romantik von Reich und Rasse”. Von dem Kapitel, das herzallerliebst gegen Jahn poltert, habe ich die starke Vermutung, dass es durch den Aufsatz “Arndt, Jahn und die Deutschtümler” aus Léon Poliakovs “Geschichte des Antisemitismus” inspiriert wurde; inhaltlicher Aufbau und Stoffauswahl ähneln sich erstaunlich. In Hacksens “Romatik von Reich und Rasse” heißt es: “Im Imperialismus besorgt der Antisemitismus drei Aufgaben. Beschleunigte Konzentration des Kapitals vermöge der sogenannten Arisierung. Ablenkung vom sozialistischen Klassenkampf vermöge des sogenannten Rassenkampfs. Eröffnung einer volksfestlichen Spielwiese und emotionalen Ersatzbeschäftigung für solche, die während der uneingeschränkten Diktatur der Staatsmonopole doch was mitzupolitisieren haben mögen; die Triebe, kann man sagen, erhalten ein Turngerät. - Von den zwei erstgenannten Gründen der Judenschlächterei kann um 1800 keine Rede sein. Über den dritten läßt sich noch grübeln.    Heine weiß, 1825, daß bei einem Siege der Jahnschen Demagogen „einige tausend jüdische Hälse, und just die besten, abgeschnitten werden“. Die Vorhersage erfüllte sich dann beim Siege der Hitlerschen Demagogen. An irgendwas muß es doch liegen.
An irgendwas muß liegen, daß während der Lektüre des Jahn mir hundert mal der Hitler einfällt, der mir sonst nie einfällt. Racines Phèdre sagt: „Quelques crimes toujours prècèdent les grand crimes“. Ich gebe den Vers in Deutsch: Jedes Schaudervolle hat seine Entstehungsgeschichte.”

Glauben Sie mir nun? Hacks fiel zum Antisemitismus tatsächlich nichts ein. Ich finde das entschuldbar; er hat es im Mindesten versucht. Es denkt ja auch niemand daran, dem Jahrhundertmathematiker David Hilbert vorzuwerfen, er hätte nie unternommen, den Großen Fermatschen Satz zu beweisen.
Auch gegen den Faschismus hat Hacks nie ein Drama oder nur ein Pamphlet geschrieben. Das einzige echte antifaschistische Statement von Hacks war, daß er zu Zeiten des Hitlerfaschismus mit einem Saxophon entartete Jazzmusik machte. Ich finde das handfester als beispielsweise Günter Grass, der fuderweise Anti-Hitler-Sachen schrieb; nach Kriegsende. Heute weiss man, Grass musste ins Reine mit sich kommen. Hacks nicht; er war, was die Nazis betrifft, ein Leben lang mit sich im Reinen.
Ich will nichts unterschlagen. Es gab noch eine zweite, ebenso handfeste Stellungnahme Hacksens gegen den Faschismus. Die war, dass er 1955 von München, BRD, nach Berlin, Hauptstadt der DDR, übersiedelte. Dort blieb er bis an sein Lebensende wohnen (Hacks in einem Brief an Andrè Thiele, 1999: “Wieso sagen Sie, ich lebte nicht mehr in der DDR? Ich bin ja nicht umgezogen.”). Wir haben uns über das antifaschistische Selbstverständnis dieses Staates bereits ins Einvernehmen gesetzt; genügt also, hier noch das Hacks-betreffende zu ergänzen.
Die DDR hatte ein eigentümliches Verhältnis zu ihren Künstlern. Ich bin, damit die Darstellung nicht an übermässiger Ausuferung leide, in dieser Sache sehr zur Vereinfachung gezwungen: Anstatt eines Kunstmarktes gab es in der DDR die Einrichtung eines Hofes; alle Künstler wurden vom Staat bezahlt und waren also Höflinge von Zentralkomitees Gnaden. Diese Besonderheit erklärt, warum die DDR-Künstler immerfort große Stoffe, Themen von Weltbedeutung behandelten. Es waren dies einfach die herrschenden Themen bei Hofe. Der Kunstmarkt, den Unterschied zu weisen, hat stets nur den Kunstmarkt zu seinem Gegenstand. 
In dieser diffizilen Konstellation konnte es den Künstlern leicht unterlaufen, dass sie die höhere Anschauung der Kunst mit einem praktischen Verbesserungsvorschlag verwechselten. Etliche haben diesen Fehler gemacht und konnten dann die Kränkung schlecht verwinden, dass der Staat nicht sofort und mit Begeisterung umsetzte, was in ihren Werken an Segensreichem vorgeschlagen war. Die Verstimmung war dann oft beträchtlich.
Bei Hacks verhielt es sich gerade anders herum. Ihm widerfuhr, als er aus dem Westen gekommen war, dass der Staat verstimmt war, weil er in seinen ersten Stücken Vorschlagmacherei argwöhnte. Dabei lag es Hacks fern wie nur etwas, das Ideal, durch dessen Insverhältnissetzen zur Wirklichkeit die Kunst lebt, als Belehrung der praktischen Politik zu begreifen. Im Trennen der Kategorien war Hacks penibel bis zur Wissenschaftlichkeit. Er hat, soweit ich Einblick habe, nie behauptet, dass Politik lediglich die Fortsetzung von Kunst mit reizloseren Mitteln sei. Hacks mochte, soll das bedeuten, in Einzelheiten sehr uneinverstanden mit seinem Staat sein; im Grossen und Ganzen aber war er überaus einverstanden mit ihm.
Nicht wenige haben dieses affirmative Verhalten unerklärlich gefunden. Die Idee wurde geäußert, Hacks hätte noch den schlechtesten Hof jedem Markt vorgezogen; man hielt ihm deshalb Snobismus vor. Um Hacksens Halten zur DDR zu erklären, schlage ich einen triftigeren Grund vor. Diese eigentümliche Loyalität liess sich ja nicht nur bei Hacks beobachten; viele Intellektuelle, und von der unterschiedlichsten Machart, glichen Hacks hierin. Warum ertrugen diese großen Köpfe so klaglos, dass sie vom Staat in oftmals kindischer Weise gegängelt wurden? Es lag, Sie haben es unzweifelhaft erraten, am Staatshumanismus. Man konnte ertragen, unfrei in vielen Dingen zu sein, wenn man zum Ausgleich frei im Selbstverständnis war. Freilich war der doktrinäre Antifaschismus ein wesentlicher Teil dieses Humanismus; die offene Loyalität zur DDR findet sich besonders in jener Generation, die den  Faschismus bewußt erfahren hatte. Hacks, wie andere Intellektuelle mit ihm, empfand sich als Bürger einer neuartigen Staatseinrichtung, in der solche Entgleisungen garantiert nie wieder vorkommen würden.  Die Garantie war sehr viel wert.
Ich bin mit meinem Plädoyer zu Ende. Der Gründe, meine ich, sind genug gegeben, deretwegen Hacks vom Antisemitismus weiter entfernt war, als so mancher Judenfreund. Zugegebenermassen hat er sich mitunter heikler geäussert als die; es gibt so Stellen. Wären Sie, verehrter Leser, einverstanden, wenn wir ihm diese Stellen, nach allem, was bis hier erläutert ist, schenkten? Was es galt zu erhellen, das waren nicht die Stellen, sondern die Überzeugungen und Umstände, in die sie betten. Ich hatte wenig Lust, das Thema überhaupt anzufassen, aber ich wäre mir vollends meschugge vorgekommen, hätte ich dann jede politische Unkorrektheit von Hacks hernehmen sollen, um zu beweisen, dass sie eigentlich gar nicht so gemeint war. Kann sein, jede einzelne von ihnen war so gemeint. Es spielt, und den Gedanken wollte ich entwickeln, vor dem Hintergrund von Hacksens Selbstverständnis keine Rolle.
Aus all dem folgt, Hacks darf an den Theatern unserer Republik getrost gegeben werden. Man soll endlich zur Tagesordnung übergehen!
Das heisst, wenn ich mir eine winzige Ergänzung ausbitten dürfte: Die Tagesordnung wäre eine noch bessere, worin dies der letzte Satz ist, den ich mir über den Antisemitismus abnötigen musste.
Jochen Hörisch, Rezension v. Peter Hacksens Streitschrift “Zur Romantik”, Frankfurter Rundschau, 22.8. 2002, pp. 20
Figur aus Hacksens Drama “Die Binsen” (1981, HW 6, pp 193).
Eine wichtige Ausnahme von dieser Regel bilden Gemeinschaften, deren Mitglieder durch eine starke äußere Bedrohung zueinander gepresst werden. Hier geht es um Prinzipien unseres Handelns; natürlich können die durch Affekte ausser Kraft gesetzt werden.
Donald Davidson: Wahrheit und Interpretation, Frankfurt  a.M., 1986
Dan Diner (Hg.), Zivilisationsbruch. Denken nach Auschwitz, Frankfurt a.M. 1988
Stanislaw Lem, Provokation, Verlag Volk und Welt, 1985
Siehe zB.  LINK "http://www.rosalux.de/cms/index.php?id=13820" \t "_blank" http://www.rosalux.de/cms/index.php?id=13820
„Zwischen Diskussion und Disziplin.“ Dokumente zur Geschichte der Akademie der Künste (Ost) 1945/50 bis 1993
eg. Kurt Pätzold: “Du sollst nicht falsch Zeugnis geben.” in: ND, 7./8.4.2007
eg. in Felix Bartels: “Miteinandersichabfinden”, Junge Welt vom 21.06.2008
“Du tust mir wirklich fehlen”, Eulenspiegel Verlag, 2004
ibid.
HW 14, pp 325
HW14, pp 387; nachlesbar unter: http://www.rapoport.de/index/109/
“Geschichte des Antisemitismus” Bd. 6,  Verlag Georg Heintz, Worms 1987; nachlesbar unter: http://emanzipation.eu/poliakov.htm

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