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R E Z E N S I O N

André Thiele

"Eine Welt in Scherben"


Das Bändchen, kaum hundert Seiten stark, umfasst sechs Miniaturen, wie seit Karl Kraus keine mehr angefertigt wurden. Thiele kann denken. Thiele kann schreiben. Und Thiele kommt aus der Sprache.

Von der fand Kraus zur Welt, indem er die Zeitungen hernahm. Über ein falsches Komma bewies er den Niedergang seiner Epoche. In den unbedeutendsten Splittern noch immer das Ganze finden: Dieser Methode bedient sich auch Thiele; so erklärt sich der Titel »Eine Welt in Scherben«. Der Unterschied zwischen Kraus und Thiele ist die Herkunft der Scherben. Thiele hat seinen Stoff akribisch in Literaturarchiven zusammengetragen, vieles davon als freier Sekretär für den Dichter Peter Hacks.

In den vorliegeden Essays kommen etliche Poeten des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts vor, von denen ich wetten möchte, dass sie den meisten Lesern ganz und gar unbekannt sind. Oder haben Sie je von dem Bauerndichter Hinrich Janssen gehört? Kennen Sie Saul Ascher? Sagt Ihnen der Name Johann Carl Wezel etwas?

»Aha!«, denken Sie nun, »vergessene Dichter.«, und winken ab. »Man vergisst ja nicht zum Spaße, wer schließlich soll das alles lesen?«

»Aber«, versetze ich, »hier sollen die Entfallenen gar nicht rehabilitiert werden.«

»Nicht?«

»Zwar«, räume ich ein, »werden diese Autoren in ihr Recht gesetzt, jedoch ist das fast nur Beiwerk. Denn eigentlich dienen sie der Demonstration von Haltungen.«

Nun wollen Sie natürlich wissen, was eine Haltung ist: »Haltungen«, sagt Thiele, »sind für die Lebenskunst das, was Genres für die Kunst sind.« Seine Protagonisten zeigen Haltung in zwei Fragen der Lebenskunst. Erstens, wie stark sich der Staat in die Privatangelegenheiten der Menschen einmischen dürfe. Zweitens, ob die zerscherbt-unzusammenhängende Welt dennoch einen übergreifenden Sinn enthielte.

In »Staatlichkeit und Poesie«, dem erste Essay des Bändchens, werden diese Gegenstände am Exempel des Dichters Hinrich Janssen durchgenommen. Janssen (1697-1737) war Bauer im Oldenburgischen Marschland, doch fühlte er sich zum Dichtersmann berufen. Es wurde ihm Einsicht in die Notwendigkeit des Staates durch die Sturmflut vom Jahre 1717 unbarmherzig eingeprügelt. Diese Flut brachte Tausende zu Tode, möglicherweise auch Janssens nächste Anverwandte. Das Hereinbrechen der Katastrophe hatte an dem laschen Management der Deiche gelegen und die mörderische Nachlässigkeit, verstand Janssen, war eine Folge fehlender zentraler Organisation, oder, umgekehrt betrachtet, übermässiger Befugnisse der Partikularwalter. - Indem Thiele Janssens Leben politisiert, gibt er ihm einen Sinn. Thiele beschreibt den Fortgang der Ereignisse spannend, dicht, pointiert und macht aus dem Manne, der, Flegel gegen Feder tauschend, dem Staate Lob zu singen wagte, einen guten Bekannten, dem man herzlich gern seinen Becher zuhebt.

Nichts ist aktueller, nichts unzeitgemäßer als Thieles Etatismus. Nie hat vom Staatshaushalt zu lesen so unterhalten, kaum ward ein Gesetz kunstvoller plausibilisiert, als die Kommuniondeichung durch Thiele. - Wir reden von Haltung. Wie jämmerlich dagegen die wetterwendischen Krisendeuter der Gegenwart, die nur nach dem Staate barmen, wenn sie ihre Pleiten vergesellschaften wollen. Pflichten, wollen die, soll der Staat haben. Aber Macht? Davor graust dem mündigen Bürger. Bürger jedoch, wenn der Staat nicht wäre, wovon?

In dem Essay »Verschwörung und Partei« behandelt Thiele dieselbe Sache, diesmal am Beispiel der Geheimbündlerei im ausgehenden achtzehnten Jahrhundert. Hinterher kennt man nicht nur den Unterschied zwischen einer Verschwörung und einer Partei, man weiß überhaupt alles, was man über die Illuminaten, respektive Rosenkreuzer wissen muss. Thiele nennt die Geheimbünde »Kindergärten des Weltgeistes« und es steht, nachdem Adam Weishaupt mehrfach zu Wort gekommen ist, durchaus unsicher, ob dieser Affront gegen unsere Kindergärten nicht zu zahm ist.

Bei allem Lesevergnügen, den auch dieser Essay macht: Thieles Stil neigt gelegentlich zu unmässiger Verdichtung. Es gibt Stellen, die lesen sich wie ein Prosagedicht. Gewiss, Thiele ist polemisch und Polemik will immer Pointen und Sinnsprüche. Aber auch die größte Polemik, gerade die, muss nach jedem Hieb wieder prosaisch und begründend werden. Ansonsten kommt der Text aus dem Fluss oder, schlimmer, er wird unverständlich. Thieles Texte sind stellenweise schwer, nicht weil sie bleiern oder ungelenk wären, nicht krude oder wirr, sondern, im Gegenteil, überbrillant. Oder, ein Wort des unvergleichlichen Pointenmachers Lichtenberg zu nehmen: »Herr Magister Thiele ist superklug.« Doch diesen geringen Fehl beiseite steht Thiele mit seinem ersten Buch sofort in der Linie der großen Polemiker, vor denen er den erheblichen Vorteil hat, "alive and kicking" zu sein.

Den Schluss des Bändchens gibt ein amüsierliches Pièce mit dem Titel: »Èconomie du goût«, unterschrieben »Motive einer historischen Theorie der Kochkunst«. Darin geht es nicht um Gleich- oder Gegenklang von Staatseinrichtung und Fortschritt, sondern von Kücheneinrichtung und Epoche. Glauben Sie mir, Sie wurden nie gepfefferter über den Fortschritt der Menschheit belehrt. Fortschritt ist beschleunigter Handel, und Handel, sagt Thiele, ist Stoffwechsel. Hier erfahren sie, ob der Imperialismus tatsächlich ein absterbender und faulender ist, ob die Zeit reif, oder wenigstens gar sei und wie man eine feine Nase für derlei entwickelt.

Die übrigen drei Essays und Historien »Drei Briefe an Gottsched«, »Der Falke« und »Von der Kraft kleiner Gaben« sind ebenfalls inspirierend und mit hohem Genuß lesbar; keines der Stücke ist schwach. Sollten Sie also beim Bücherkauf innerlich noch zwischen Kochbuch und Politikerbiographie zerrissen sein, lassen Sie mich Ihnen dieses Bändchen lindernd ans geschundene Herz legen.

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