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Peter Hacks


aus „Ascher gegen Jahn. Ein Freiheitskrieg

1810
DIE ROMANTIK VON REICH UND RASSE
(Friedrich Ludwig Jahn: „Deutsches Volksthum“)


Der Leibeserzieher Jahn hatte neben dem Turnbock ein zweites Steckenpferd, er übersetzte mit Leidenschaft Fremdwörter. Jahns theoretisches Lebenswerk besteht in einem Übersetzungsfehler. Ihm war eingefallen, das Fremdwort Nationalität mit dem deutschen Wort Volkstum zu übersetzen.

Es gibt einen Versuch von ihm zu erklären, was Volkstum sei: „das Gemeinsame des Volkes, sein innewohnendes Wesen, sein Regen und Leben“. Es ist, sagt er, die „Einungskraft“, die das Volk zum Ganzen verknüpft, und es bewirkt, sagt er, dessen „Fortpflanzungsfähigkeit“.

Wir wollen ihm die geringe Klarheit, die da herrscht nicht verübeln. Diese Dinge lassen sich höchst ungern in Begriffe fassen. Die Nation ist die Nation, das Volk ist das Volk. Es sind nicht die Wörter, auf die es ankommt; ankommt es auf die Meinung, in der man sie gebraucht, und die Absicht, mit der man sie in Umlauf bringt. So gesehen, bleibt zu bemängeln, daß das Wort Volkstum das Wort Nationalität ungenügend abdeckt.

Ich habe Jahn im „Ascher“ vielleicht zu sehr mit Aschers Ohren gehört, kann ja sein, Ascher hat ihn mißverstanden. Ich gebe ihm nun selbst das Wort, klinge es, wie es wolle.

Die Wahrheit ist aber, es klingt schauderhaft. Jahn deutschte nicht nur die fremden, er deutschte auch die deutschen Wörter ein. Wahrscheinlich versuchte er die deutsche Ursprache zurückzuzüchten; es läßt sich ja aus gewöhnlichen Rindern der ausgestorbene Auerochs herauskreuzen und so denn wohl aus den gewöhnlichen Wörtern ein ausgestorbenes Auerochsisch: ein deutsches Ur-Muhen; und Jahn führte einen lebenslangen Kampf gegen den Wörterbuchautor Adelung, der auf Luther aufbaute und dessen Ziel war, die deutsche Sprache zum nämlichen Stand der Gesittung zu erheben, zu dem die Franzosen ihn erhoben hatten. Er fordert das „wahre Hochdeutsche, fern von aller Gottschederei und Adelungerei“, und er erzeugt ein ganz eigentümliches Hochkrähwinklisch, das nicht leicht zu genießen ist. Die Politik jener Tage ging an den //Fragen der Sprachwissenschaft// nicht vorbei.

Jahn hat sich sicher viel Mühe gegeben, schlecht zu schreiben. Aber was verpflichtet mich, einen Unterschied zu machen zwischen einem, der schlecht schreiben will, und einem, der nicht besser als schlecht schreiben kann? - Was also sagt Ascher von Jahn?

Daß er eine deutsche Kleidung, eine deutsche Religion und eine deutsche Turnjugend angeordnet und daß er auf Europas Fläche ein Ewigkeitsvolk entdeckt habe.

Ich stelle fest, Ascher hat richtig vernommen. Jahn hat das alles gesagt. Ich bringe Belege.

„Alle alte langdauernde Völker“, sagt Jahn, „retteten sich vor der immerneuen Wütherei der Mode durch eine Volkstracht“. Diese „Allgemeine Volkstracht“ zögerte er nicht, den Deutschen zu entwerfen, und trug sie selbst, und oft geschah, daß er um seines autochthon deutschen Anzugs willen für einen russischen Popen oder einen Juden gehalten wurde.

„Welches von allen noch lebenden Volksthümern“, fragt Jahn, „dem reinen Christenthum am Meisten zusagt?“; die Frage ist der Antwort wegen. „Unmöglich wird das Endurtheil für ein anderes als für das echte, unverfälschte, menschheitliche Deutsche Volksthum ausfallen“. - Der Deutsche Christ Jahn verlangt eine „freigläubig einige Deutsche Kirche“.

Der Statutenentwurf des Tugendbundes sieht im §51 vor, daß „ein freilediger Mann nicht heiraten“ dürfe, wenn er nicht vorher sein Turnabzeichen erworben. (Sooft ich den Paragraphen lese, fallen mir unanständige Bilder ein, die Schuld liegt sicher bei mir).

Die Deutschtümelei erschien in der Regel als Rempelei. 1817 hielt Jahn eine Vorlesungsreihe in Berlin, in welcher den Berlinern der Satz auffiel: Wenn einer „seinen Töchtern Französisch lehren läßt, so ist das eben so gut, als wenn er ihnen die Hurerei lehren läßt“. Jahn war ein Flegel und ließ sich gern in öffentlichen Radau ein, aber diese besondere Flegelei war philosophisch gemeint. Das Deutsche an den Deutschen, so der Gedankengang, ist, daß sie kein Französisch reden.

Ich ersuche Sie, mich nicht für albern zu halten. Es ist das genau das, was gedacht war, und daß hier Tiefe waltet, werden Sie mir besser glauben, wenn ich den Urheber dieser Wesensfindung beim Namen nenne. Der nämlich war Fichte.

Die hauptsächliche Denkanstrengung der germanomanischen Romantik besteht in der Bearbeitung folgender Denkklemme: Weshalb verdienen die Franzosen die Austilgung, obgleich doch der Stamm der Franzosen ein germanischer Stamm ist? - Die Auflösung bildet den Inhalt der Fichteschen Vorträge von 1808.

Die Deutschen, das duldet keinen Streit und kann gesetzt werden, sind für die Zukunft befugt, das Menschengeschlecht zu vertreten, weil allein sie sich in der Vergangenheit sauber hielten. Sie sind „das Volk schlechtweg“. Sie „blieben in den ursprünglichen Ursitzen des Stammvolks“, sagt Fichte; sie sind, sagt Jahn, ein „unvermischtes, naturgemäß lebendes, von undenklicher Zeit her eingewohntes Urvolk“.

Unter die Deutschen rechnen alle Germanen. Die Schweden, meint Fichte, „sind unzweifelhaft Deutsche“ - noch Jacob Grimm beharrte darauf, die Schweden als Deutsche zu bezeichnen -; wer freilich schon einmal dabei ist, den behält man schon auch. Die slavische Adriaküste heißt in Jahns Zunge „Isterreich“; denn dort hat „Oesterreich seine Mark und sein Meer“. In der Minderheitenfrage liegt die Schwierigkeit nicht. Wer Germane ist, bestimmen die Germanomanen.

Aber wie gesagt, der ganze rassische Ansatz verliert seine Schlüssigkeit durch die Franken. Wie dieses Feind- und Unvolk ausgrenzen? Nicht aufrecht zu halten war der Vorwurf, daß sie mit Galliern durchmischt waren; das schließlich waren die die Preußen mit Wenden und Sorben auch. Der Sündenfall, den die Franken getan haben, war ein anderer: sie haben Latein gelernt.

Daher Fichte fortfährt: „Bedeutender aber ist, daß diese Sprache ohne Unterbrechung fortgesetzt“ worden, und Jahn fortfährt: „mit einer seit Jahrtausenden gesprochenen Ursprache“. Ich könnte fragen, woher er hat, daß wir hier in Preußen seit Jahrtausenden deutsch reden. Ich will aber weder scherzen noch mäkeln, ich berichte. Aus dem rassischen Ansatz ist ein sprachphilosophischer Ansatz geworden. Deutschsprachigkeit tritt für Deutschstämmigkeit.

Hinderlich an dem war allenfalls noch, daß Berufensein unmöglich eine Frage der Philosophie sein kann. Insofern krönt Jahn Fichtes Überlegungen mit einem geschickten letzten Schritt. Er ersetzt das rassische Merkmal des Urvolks und das höhere linguistische der Ursprache durch ein höchstes, das des Volkstums eben. „Volksgenosse seyn, erfüllt mit Volksthum“. Dieser Satz aus den „Runenblättern“ ist eine Aussage, auf die sich nun wirklich nichts mehr entgegnen ließ.

Der es immerhin versuchte, war Kamptz. „Diese neue Manier wird //Volksthum// und ihre Sprache die //Volksthümliche// (vielleicht besser die //Volksdümmliche//) genannt“. - Brechts Witz „das Volk ist nicht tümlich“ ist also von Kamptz. Er stellt als Witz eine Verbesserung dar, lehrt aber auch, daß keiner, der auf einen Namen einen Kalauer macht, hoffen darf, der erste gewesen zu sein.

Ich bin verlegen über die Breite, zu welcher die Menge des Stoffs mich zwingt. Eine Kurzfassung der Fichteschen Ideen füllt das erste Kapitel von Dahns „Kampf um Rom“, worin eine Verschwörung der gotischen Häuptlinge gegen den gotischen König sich abspielt. Dahn war ein bedeutender Soziologe. Die „Reden an die deutsche Nation“ vertreten, sagt er ausdrücklich, den Standpunkt der „Adelsopposition“. Wer es genau wissen und dabei seinen Lesegenuß haben will, lese also den Dahn, dort steht alles anschaulich vorgetragen.

Fichte brachte den Deutschen die Botschaft von ihrer Weltbestimmung, die ihnen zugefallen war, von Natur, ohne weiteres, einfach dadurch. daß sie Deutsche waren. Das Unglück wollte nun, daß er unter den Deutschen keinen einzigen Anhänger fand. Dieses Volk war auserwählt und mochte nichts davon hören.

Woraufhin eine gänzliche „Umerschaffung des Menschengeschlechts“ (Fichte) sich nötig machte. Die Deutschen, so wie sie standen und gingen, mußten ausgewechselt werden. Das Mittel für den Umbau war die Nationalerziehung. Die Kinder sollten wie „zum Kriegsdienste“ ausgehoben, aus der Gesellschaft entfernt, von ihren Eltern weggehalten und in besonderen Anstalten zu ihrem zwar angeerbten, aber doch bisher verfehlten Ziel abgerichtet werden. Diese Sonderschulen könnten, schlug Fichte vor, „große Gutsbesitzer auf ihren Landgütern“ einrichten. Selbst die aber scheinen sich nicht gemeldet zu haben, und zum Ersatz verlegte Jahn das Übungsgelände der Nationalerziehung unter den freien Himmel und zu den Heidehasen.

Das kriegsromantische Lehrgebäude stammt von Fichte; es stammt nicht von Jahn, der ein Mann von wenig Bildung und gar keinem Verstand war. Worüber er verfügte, war eine gewisse zänkische und volksrednerische Phantasie. Das „Deutsche Volksthum“ ist eine Popularisierung des populistischen Fichte, der Fichte für den noch kleineren Mann. Jahn will uns glauben machen, er habe seine gleichlautenden Gedanken, die er zwei Jahre nach Fichtes Auftreten zum Druck gab, unabhängig von jenem ausgesonnen. Ich schenke ihm meinen Glauben nicht. Fichtes Einfall ist so abwegig, daß unmöglich zwei verschiedene Menschen auf ihn stoßen konnten.

Der grundlegende Humbug also gehört allein Fichte. Jahns Eigentum sind nur die schmückenden Schrullen.

Meine Ablehnung Jahns mag einseitig und von meinen zufälligen Erfahrungen bestimmt sein. Ich persönlich beobachte nicht nur ungern, wenn man Bühnendichter ermordet; ich schätze es fast ebenso wenig, wenn man mir vorschreibt, was ich für die Bühne dichten soll. In meinem Landstrich, der, falls Jahn gewonnen hätte, jetzt „Nordreich“, und in meiner Stadt, die in dem Fall jetzt „Preußenheim“ hieße, hätte nämlich, das besagte Unglück angenommen, „jeder wälsche Gesang auf der Bühne aufgehört“.

„Nur Gegenstände aus der Geschichte des Volkes“ würden „ausschließlich aufgeführt“. Jahn gibt das Verzeichnis dieser Gegenstände. „Die Hermannschlacht u.s.w.“, (“und so weiter“ ist gut). Oder „Heinrichs des Großen Thaten“. „Otto und Adelheid“. „Der Bornhövder Waldemar“. „Der Entsatz von Wien“. - „Otto und Adelheid“ könnten mein Glück machen, die habe ich behandelt. Aber der Reichsdramaturg kümmert sich auch um die Besetzung.

„Es werde Regel und Gesetz, daß nur Jungfrauen u.s.w. dabei Rollen spielen“. Ich sehe bei der Art Vorgaben wenig Aussichten für mich, räume aber ein, daß dieses zweite „und so weiter“ noch besser ist als jenes obige.

Ich fasse zusammen und fordere nun starkes Vertrauen von Ihnen: Jahn will die gesamte deutsche Literatur neu geschrieben haben und hiernach die gesamte vorhandene verboten. Schon vor der Erstellung des „Deutschen Bardenhains“ indes geht es an die Reinigung des Buchwesens von allen unterhaltenden Büchern. Spätestens hier verliere ich die Freiheit, Jahn zu folgen. Raubte man mir die Trivialliteratur, ich wäre sofort verloren.

Ich stelle schon nach diesem eher gelegentlichen Blick auf die Jahnschen Kunstdelikte fest, daß Saul Ascher gegen Ludwig Jahn viel weniger einwendet, als sich einwenden ließe. Ich vermute, er hat ihn nur flüchtig gelesen. Es gibt Käfer, die einem auf die Hand kleckern, wenn man sie anfaßt; solche schreiten unangefaßt ihren Weg fort und leben sicherer als andere. Es gibt Schriftsteller, die auf die selbe Weise sorgen, daß kein Beurteiler sich ihnen nähert. Ich habe meine Ekelschwelle überwunden und mich bekleckern lassen und Jahn gelesen und kann im Folgenden erzählen, was Ascher anzufassen sich gegraust hat.

Jahn liebte das Soldatische über alles und sorgt sich um den deutschen Mann. „Man beobachte, wie bei uns die Leibesübungen ausgestorben sind, bis auf das Führen des Gänsekiels und einen wilden Sprungtanz, der den letzten Rest giebt“.

(Es trifft übrigens zu, daß ich die Zitate aus dem Zusammenhang reiße. Ich bedaure es selbst. Im Zusammenhang sind sie noch weit entsetzlicher). - Jahn verschreibt uns eine Wehrpflicht von drei Jahren und danach bis zum fünfundvierzigsten Lebensjahr Dienst bei der Landwehr; so lange hätten wir die Ehrenpflicht, uns bei den „Landwehrs-Übungen“ sowie beim jährlichen Aufzug des „Heerbanns“ zu beteiligen.

Um die deutsche Frau sorgt sich Jahn auf andere Art. das „Altdeutsche Biederweib“ hat ihren Dienst als „Hausfrau, Gattin, Mutter“, und wenn es zwar von Natur „nicht für die grübelnde Wissenschaft, nicht für die große Weltbühne“ geschaffen ist, so darf es doch mitturnen, und darf schießen lernen. Seinen eigentlichen Nutzen für die Armee aber hat es, wie schon bei Plato, als Prämie, weniger als Schützin mithin, denn als Schützenpreis. „Männlichkeit zieht die Weiber an. Wer in Wehr und Waffen erscheint, wird ihnen bald lieb“. Solange alles nach Jahns Rollenverständnis geht, geht alles glücklich.

„Gattin soll die Braut werden, Eins mit ihm, wie rankend Immergrün mit der Eiche. Einen stillen Lebenskreis soll die Erwählte ziehn um den Einzigen“. - Aber was, wenn sie nicht stillhält? Wenn sie von der Neuzeit schon zur „Wollustfrohne entmenscht“ ist? Es steckt ein Argwohn hinter Jahns Frauenlob, als könnten nicht die Franzosen allein Schuld tragen, daß die Frau das dem Heerwesen so abträgliche Element der Sinnlichkeit in die Welt bringt.

Wie entkräftend für den Soldaten ist nicht jenes dem weiblichen Volksteil einwohnende ewige geschlechtliche Verlangen. Gegen außereheliche Liederlichkeiten gibt es wenigstens Gerichte, an die der männliche Volksteil sich wenden kann. Aber was, ich wiederhole diese Haupt-Frage, wenn die Braut auch nach der Erwählung fortfährt, den Einzigen zu schwächen? „Buhlwesen findet in und außer der Ehe statt, doch das ineheliche ist das ärgste. Schamvergessenheit, Verlust der Keuschheit durch unmenschliche Neugier sind die Todtengräber des häuslichen Glücks“. Wen wundert, wenn da der Gatte sich wieder auf den Turnplatz hinaussehnt? Es soll Weiber geben, so ist Jahn berichtet, die „sich //am Tage// von ihren Männern umarmen lassen“.

Und doch wird über all den Widrigkeiten der Germane niemals zum Misogynen. „Je menschheitlicher ein Volk, je größer die Huldigung des weiblichen Geschlechts“, sagt Jahn, und er endet mit der Schlichtheit, in welcher wahrer Stolz sich zeigt: „Es ist in der Geschichte kein Volk bekannt, was mehr für das weibliche Geschlecht gethan hat“.

Jahn erließ gern Gesetze; so viel ihm nicht schwer, das Schiefe an der Welt ins Lot zu bringen. Er besass, bilde ich mir ein, eine Landkarte und einen Zollstock. Mit dem Zollstock ermaß er sich die Mitte zwischen den Staatsgrenzen; schon hatte er den Fehler heraus: Europas Hauptstädte lagen falsch. London lag falsch. Paris lag falsch. Berlin gehörte an die Elbe, „ungefähr gleich weit von Dresden und Glückstadt“ -: „Dort war der Sassen Tor ins Wendenland“.

Das ist nicht ganz im Geist der historischen Schule, und der Geheimrat Schmalz unterläßt nicht, die Abweichung den Jahnianern vorzuhalten: „So ist doch Geschichte und Pflicht von ihnen gleich gering geachtet“. Schmalz hat Jahn mißverstanden. Geschichte ist fortan Tat, nicht mehr Erinnerung. Dabei fallen natürlich Späne.

„//Teutona//, die Hauptstadt von ganz Deutschland, hätte liegen müssen an der Elbe in einer schöngezeichneten Gegend, ungefähr auf dem halben Wege von Genf nach Memel; von Triest und Fiume nach Kopenhagen; von Dünkirchen nach Sendomir. Wie Wiedervereinigung noch einmal möglich? ist - itzt - schwer zu sehen. Allvater mag’s walten!“

Was Jahn da mit seinem Zollstock wiedervereinigt, sind alles deutsche Städte, SIe verstehen schon, Sie lassen sich durch Namen wie Fiume und Sendomir nicht irreleiten. Dennoch: dieses Reich, urdeutsch, wie es ist,zusammenzuhalten, bedarf es einer Geisterschmiede, eines Zentralorgans. ( „Groß“, sinnt Jahn, ist „der Einfluß des Peckinger Hofblatts in China“). „Halten muß diese //Staats-// und //Volkszeitung// jeder Gastgeber, Speisewirth, Herberger, und Schenk; jede Gemeinde im Gemeindehause“. Das andere Bindemittel hat das Reich in seinen Feiern.

„Der Gegenstand der Volksfeste muß volksthümlich sein, nicht Freiheit, Aufklärung, Vernunft u.s.w“. Massenvollgefühle, erkennt Jahn richtig, lassen sich nicht verordnen. Und er führt, wenn er vaterländische Gedenktage vorschlägt, ausschließlich solche auf, die auch Ihnen, verehrter Leser, mit hoher Wahrscheinlichkeit ohnehin würden durch den Sinn gegangen sein: „Der Tag der Hermannsschlacht; der Tag der Schlacht bei Merseburg; der Tag des Religionsfriedens. - Eine der schönsten Überlieferungen wird trotz aller Krittelei bleiben: `Heinrich der Vogler hält nach dem Merseburger Siege das erste Turnier zu Magdeburg’ “.

Soviel Gleichmaß und Einform sind dem deutschen Wesen keinesfalls aufgezwungen. Im Gegenteil, sie erwachsen aus seinem Innern. Worauf es nur ankommt, ist, das Volkstum zum Gefühl seiner Eigentlichkeit zu erheben und es zugleich vorm unzüchtigen Einfluß fremden Bluts zu bewahren. Jahn hatte seine Weise, wie er die Dinge sah. Er hatte auch seine Weise, sie auszudrücken.

„Wer die Edelvölker der Erde in eine einzige Heerde zu bringen trachtet, ist in Gefahr, bald über den verächtlichsten Auskehricht des Menschengeschlechts zu herrschen“; gemeint ist Bonaparte und sind die Bonapartisten, über die der herrschte. Die richtige Kunst der „Völkerzucht“ hingegen versteht jeder Landwirt. „Mischlinge von Thieren haben keine echte Fortpflanzungskraft, und eben so wenig Blendlingsvölker ein eigenes volksthümliches Fortleben“.

„Die meisten Menschen sind Kinder der Wollust“ - hierin liegt der Mißstand. Die Werkzeuge der Zeugung müssen in die Hand genommen werden. Jahn empfiehlt als Fachliteratur einen Aufsatz „Über die Veredlung des Menschengeschlechts durch die Leitung ihrer Fortpflanzung“, und er empfiehlt Arndts „Fragmente über Menschenbildung“. Er will es wirklich naturkundlich. Schädelmessung macht sich nötig. „Die vergleichende Zergliederung“ - was er auszudrücken sich müht, ist: die Analyse der Phänomene; er kann einmal kein Deutsch; die alten Sumerer freilich hätten einfach „Wenn Sie hinschaun“ gesagt -, „die vergleichende Zergliederung entdeckte eine bleibende, nachartende Schädelbildung einzelner Völker“.

Von der Romantik, die unter Schlegel eher eine maulende und zersetzende Richtung gewesen war, war unter der Bedingung des erhofften Krieges eine Bejahung gefordert. Für irgendwas, schließlich, muß ein Kampfgeschrei eintreten. Der einzige Wert, den die Romantik je bejaht hatte, war die Auserwähltheit ihrer Führer. Jetzt wurde die Auserwähltheit demokratisiert und das auserwählte Volk behauptet. Diese einmalige Anstrengung der Romantik, eine positive Bestimmung ihrer selbst hervorzubringen, hatte was zum Ergebnis?

Nun ja, den Rassismus.

Walter Grab ist der große Gesamtdarsteller unserer vormarxschen Linken; will man über die Bescheid wissen, wendet man sich an ihn. Walter Grab nun rät mir, in Jahn was Menschliches zu finden. Ich gebe seinen Grund verkürzt, aber nicht verzerrt, wieder. Die Turner, sagt er, trugen einen einheitlichen Anzug aus ungefärbter Leinwand und traten folglich gegen den Unterschied der Stände ein.

Ich bezweifle, ob das aus dem folgt. Jahn, hierfür gibt es beliebig viel Beweisstoff, setzte die Stände als selbstverständlich, und die Stelle, und die Stelle, an welcher er gegen ihren Unterschied eingetreten wäre, suche ich vergebens. Nichts an seiner Volksgemeinschaft betrifft wirtschaftliche oder auch nur rechtliche Tatsachen, alles an ihr bleibt Parteitrommelei. Den „Geschlechtsadel“ läßt er in seinem Sportvereins-Staat ganz unangefochten, die „niederen Stände“ will er zur „Arbeitsliebe und Unthätigkeitsscheu“ erzogen wissen.

Der Monarchist Schmalz durchschaut den patriotischen Gleichheitsschwindel sonder Anstrengung: „Sie sprachen von Freiheit, und ließen doch den armen gemeinen Mann gar despotisch an, wo sie etwas zu befehlen hatten“. - Dort, wo die Stände tatsächlich in Bedrängnis waren, in Frankreich, dorthin zielte Jahns unerschütterlicher Haß.

Von Fichte wird gesagt, er verdanke seine Anregungen der französischen Revolution. Ich habe jetzt keine Zeit mehr für Fichte, ich benötige seiner hier nicht. Die erste Männerbrust, aus der Jahn die Milch seiner Denkart gesogen hatte, seine männliche Amme und geliebter Nährvater war Meyern. Und Meyerns „Dya Na Sore“ kann beim verdrehtesten Willen nicht als Retourkutsche auf die Revolution gedeutet werden; diese Schweinerei ist vor der Revolution geschrieben.

Grabs Schluß geht so: Die Turner waren alle grau, folglich war Jahn gegen die Stände. Derselbe Schluß, angewandt auf die Jetztzeit, müßte lauten: Die SA-Leute waren alle braun, folglich war Hitler gegen die Klassen.

Viel mehr Skrupel, als die Frage, ob in Jahn nicht doch ein Hauch von Fortschritt wehe, bereitet mir eine andere Frage: Ob es möglich sei, Jahn keinen Nazi zu nennen?

Diese Frage zu bejahen, fordert einem deutschen Schriftstellen alleräußerste Selbstzucht ab. Aber eine gewisse Erziehungsstufe hat unser Jahrhundert doch erreicht; sie erlaubt eine klare Antwort. Es ist möglich. Im wissenschaftlichen Verstand war Jahn kein Nazi. Auch die Germanomanen brachten nichts Bedenklicheres vor als die Sprüche der ständischen Fronde, nur eben mit Schaum vorm Mund.

Jahn will für sein Großdeutschland lediglich die Schweiz, Ostfrankreich, Holland und von Belgien was, ferner Dänemark und Westrußland und dann noch Norditalien - alles, wie wir es ja kennen und wie es bei Fallersleben gesungen steht. Er will die blonden Länder, nicht den Erdenball. Er ist kein Imperialist, nur ein Ethnozentrist. Zugegeben freilich: auch der alldeutsche Hund hat keinen schlechten Biß.

Aber in der Hauptsache ging es Jahn um eine starke Grenze gegen den Einfluß der Franzosen; seine Kriegsliebe war beinahe abwehrend und verteidigend. Selbst die Juden verfolgte Jahn eher aus Angst. Sie waren jene Leute, die sich daran schickten, den Grundbesitz zu verbürgerlichen, und die, wie vordem die Pest, jetzt aufgeklärte Keime, Zweifel-Erreger und Spaltgedanken, mit sich schleppten.

Im Imperialismus besorgt der Antisemitismus drei Aufgaben. Beschleunigte Konzentration des Kapitals vermöge der sogenannten Arisierung. Ablenkung vom sozialistischen Klassenkampf vermöge des sogenannten Rassenkampfs. Eröffnung einer volksfestlichen Spielwiese und emotionalen Ersatzbeschäftigung für solche, die während der uneingeschränkten Diktatur der Staatsmonopole doch was mitzupolitisieren haben mögen; die Triebe, kann man sagen, erhalten ein Turngerät. - Von den zwei erstgenannten Gründen der Judenschlächterei kann um 1800 keine Rede sein. Über den dritten läßt sich noch grübeln.

Heine weiß, 1825, daß bei einem Siege der Jahnschen Demagogen „einige tausend jüdische Hälse, und just die besten, abgeschnitten werden“. Die Vorhersage erfüllte sich dann beim Siege der Hitlerschen Demagogen. An irgendwas muß es doch liegen.

An irgendwas muß liegen, daß während der Lektüre des Jahn mir hundert mal der Hitler einfällt, der mir sonst nie einfällt. Racines Phèdre sagt: „Quelques crimes toujours prècèdent les grand crimes“. Ich gebe den Vers in Deutsch: Jedes Schaudervolle hat seine Entstehungsgeschichte. Oder: Kein Schwerverbrecher ohne Vorgänger.

Was Jahns Überbau und Hitlers Überbau als Gemeinsames hatten, war sicher nicht ein gemeinsamer gesellschaftlicher Unterbau. Es war Folgendes. Es war der Umstand, daß in beide Fällen der Überbau mit dem Unterbau nichts zu tun hatte: daß er der Überbau des gemeinten Unterbaus nicht war.

Ich sagte es, und nicht ohne Vorsatz, schon: Jahns Narrenreich taugte in seiner Unwirklichkeit für keine Klasse, die es gab. Seine Deutschtümelei lief auf halbstarke Tatverherrlichung und intellektuelles Schlägertum hinaus. Jahns Gegner legten den Finger sofort auf diesen Mangel an Gediegenheit. „Dauer in der Gründung ihrer Verfassungen, daran denken sie nicht“, bemerkt Schmalz scharfsichtig. „Sie wollen keinen dauernden Zustand, sie wollen eigentlich nichts als sich selbst“.

Indem Jahns Entwurf für keine Klasse taugt, taugt er für manch eine. Jeder Schwachkopf und jeder Betrüger kann ihn brauchen. Jeder, der die Dinge im Argen lassen will, in dem sie liegen, greift auf ihn zurück. Die romantische Linke, die romantische Mitte, die romantische Rechte, sie sämtlich haben Verwendung für ihn. Das Naziartige an Jahn ist die beliebige Verfügbarkeit seiner Phrasen.

Saul Ascher hat Jahn ein kleines Buch gewidmet, ich widme ihm diesen kleinen Aufsatz. Viel von dem, was ich erzähle, steht nicht bei Ascher. Er muß es überblättert haben, es war ihm wohl zu dumm. Er nahm Jahns Verkündigung für den Spuk, der sie nur ist. Er verfällt seinem alten Fehler: Er glaubt nicht an Gespenster - und läßt sie weg.

Ascher erkennt an Jahn den Vernunfthaß, den Franzosenhaß, den Judenhaß. Was Ascher richtig darstellt, ist der Schlegel im Jahn.

Was sich Aschers Darstellungsgabe entzieht, ist der Meyern im Jahn.

Wie Vereinzelung in Massenhandlungen sich auslebt, Kastendenken hinter einer undurchführbaren und abschreckenden Behauptung von Gleichheit sich verbirgt, Brauchtum und Väterglauben in staatliche Aufmärsche und nationale Wahnzustände sich so ganz sonderbar verwandeln - derlei paradoxe Apologetik geht tatsächlich schwer zu denken, je redlicher einer denkt, desto schwerer. „Nur einer sei Herr - der Staat“, sagt Jahn. Armer Staatsfreund Ascher.

Jahn ist mit seiner Leistung nicht wenig zufrieden. „Vergebens wird man sich bemühen, dieser Schrift Feinde zu erwecken, umsonst sie zu verketzern suchen“, so schließt er sein „Volksthum“, so prahlt und droht er. „Alle Weislinge, Wortverdreher, Sinnentsteller von A-Z werden nichts gewinnen, als Aufdeckung ihrer eigenen Erbärmlichkeit, allgemeine Verachtung und unauslöschliche Brandmark-Schande“.

Ascher, räume ich also ein, war diesem Biertisch-Terrorismus begrifflich nicht gewachsen. Wir sollten Ascher die Verharmlosung Jahns zur Ehre anrechnen. Anhänger Bonapartes, der er war, konnte er sich Unterdrückung nicht vorstellen.


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