Heine in „Das Reclam Buch der deutschen Literatur“ (1)
In Prof. Volker Meids „Reclam Buch der deutschen Literatur“ geht es auf
Seite 332 viel über Heine-Denkmäler. Das Tucholsky-Zitat, in
Deutschland würde sich deren Zahl zu der der Kriegerdenkmäler wie der
Geist zur Macht verhalten, leitet das Kapitel ein; die schöne
Ermutigung, endlich gäbe es bereits dero zwei, nämlich seit 1981 in
Düsseldorf und seit 1982 in Hamburg, leitet es aus.
So vollkommen uns das dem Dichter versöhnt, so unvollständig ist die
Angabe. Natürlich steht das wichtigste und vortrefflichste
Heine-Denkmal in Berlin im Weinbergspark auf dem Veteranenberg. Es
wurde vom Bildhauer Waldemar Grzimek in Bronze gegossen und schon im
Jahr 1958 in der DDR aufgestellt. Soviel zu der „Renaissance“, die
Heine Prof. Meid Empfindens „erst seit den sechziger Jahren erfuhr“.
Der Fall ist typisch für die Kenntnisweigerung westdeutschen
Kulturbetriebs gegenüber den Künstlern der DDR. Fürwahr, ich neide der
hiesigen Intelligenz ihr Denkdilemma nicht: Einerseits halten sie das
Individuum in der DDR für unentwickelt, jasagerisch verbogen und
seelisch verschandelt. Andererseits hatte die DDR ganz unbestreitbar
die besseren Künstler, sowohl die Gediegenheit der Inhalte als auch die
Vollkommenheit der Form betreffend. Wen denn könnte die BRD den Malern
Tübke und Mattheuer vergleichen, wen den Bildauern Cremer und Grzimek,
wen den Komponisten Mathuss, Eisler oder Dessau, wen den Dichtern Hacks
oder Kant? Die Auswahl ist erratisch; etliche noch fallen mir ein, die im Rang Äonen vor den
ersten BRD-Künstlern kommen.
Diese glanzvolle Entfaltung von Individuen, die das Zustandekommen
grosser Künstler einmal ist, muss den Erklärern und Rechtfertigern des
statthabenden Kunstbetriebs ganz und gar unheimlich und widernatürlich
erscheinen. Nicht anders als ein Geist, der am hellichten Tag sich
zeigt, kommt ihnen das Abnorme dieses Sachverhaltes vor. Und nicht
anders als Geistersehern gegenüber, müssen Sie sich selbst begegnen:
Als wäre da nie etwas erschienen, als könne das durch konsequente
Anwendung von Vernunft zum Verschwinden gebracht werden.
Die Art Unvernunft also exzemplifiziert sich zum unzählbarsten mal im
„Reclam Buch der deutschen Literatur“, Stichwörter: DDR-Literatur,
Plenzdorf, Prokop und sogar Heine. Dem Kapitel wird - gar in
der besten Absicht? - die Klammer der Heine-Denkmäler gegeben und dabei
stimmt nichts daran. Seine dürre Sachkenntnis oder Liederlichkeit stellt der Autor gänzlich ungeniert aus. Von wem darf
man überhaupt noch mit Fug annehmen, dass er Wahres und Überprüftes
spricht, wenn nicht im Mindesten von den Experten? Wie kommt der Mann
darauf, von Heine-Denkmälern zu radotieren, ohne das einzig bedeutsame
unter ihnen zu erwähnen?
Der Dichter Peter Hacks zum Beispiel hat dem Denkmal ein eigenes Gedicht zugewidmet, er mochte Denkmäler für Denkmäler:
Der Heine auf dem Weinbergsweg
Der Heine auf dem Weinbergsweg
Hat einen goldnen Zeh
Und einen goldnen Daumen.
Der Zeh tut ihm nicht weh.
Die Kinder, wenn sie steigen
Aufs Knie dem Dichtersmann,
Fassen Sie erst die Zehe
Und dann den Daumen an.
O deutsches Volk, erobere
Dir Deiner Meister Knie.
Dann wetzt Du ab die Patina
Vom Gold der Poesie.
Gewiss, Prof. Meid wollte schon, das "deutsche Volk" könnte das "Reclam Buch" als Schemel gebrauchen, um seiner Dichter Knie zu
klimmen. Was aber taugt dieses Trittbrett,
das weder Hacks noch Grzimek kennt? Sehr devot
gegenüber der Übereinkunft in der Bundesrepublik, Hacksens nicht mehr zu
erwähnen, ist es eher Denkmal für Macht, denn für Geist. In dem Zusammenhang kann die Abbildung des zwölften Kapitels
aus Heines „Reisebildern“ nur die Selbstverhöhnung des „Reclam Buch der
deutschen Literatur“ bezwecken; Bildunterschrift: Zwei Spiegel,
einander vorgehalten.
Ich will nicht davon reden, dass das Buch Hacksens statt den Stotterer
U. Johnson und den Nuscheler H. Müller bringt, um die DDR-Literatur zu
repräsentieren. Nur dieses: Das Heine-Kapitel überschreibt „Ärgernis“.
Wo Herr Prof. Meid einmal Recht hat, soll er es auch behalten.
(1) „Das Reclam Buch der deutschen Literatur“, Philipp Reclam jun., 1. Auflage 2004
PS. Herr Prof. Meid ist vom Heine auf dem Weinbergsweg in Kenntnis
gesetzt worden und hat sich nicht weiter darum bekümmert. Q.e.d.
PPS: MRZ2006 Abmilderung einiger verbaler Kraftmeierei, an der ich selbst den Gefallen verloren hatte.


