Wie Moishe Postone sich irrte.
Kann einer ein Antisemit sein, ohne es zu wissen?
Der Frage, scheints, mangelt es an Ernsthaftigkeit. Gerade deshalb aber
wird sie bitter umkämpft und manch Debattant hat darüber mit einem bös
inflammierten Hirn bezahlt. Der von den Bejahern in Anschlag gebrachte
Begriff klingt elaborierter: "struktureller Antisemitismus" heißt ihr
Fürwort für jenen Antisemitismus, der kein Judenhass ist.
Den Widersprechern will solches nicht in den Schädel und sie fragen
höhnisch zurück, ob es auch einen strukturellen Antichristen oder
strukturellen Penisneid gebe und wie man sich diese, ihres Objektes
enthobene Gesinnung vorstellen müsse? Darauf wiederum wehren sich die
Fürwortler gegen die Verächtlichmachung ihrer Idee und schlagen ihre
Feinde jählings selbst zu den Antisemiten, strukturell oder klassisch
ist schon ganz egal. Man verleumdet sich, wo man sich trifft und führe
wohl fort damit bis auf das jüngste Gericht, wenn nicht.
Dieser schlichte Aufsatz zu schlichten sich erböte.
Niemand soll übervorteilt werden, niemand gefoppt. Gerecht soll es
zugehen beim Ertöten unsinniger Geistesbilden, gleich ob sie von diesen
oder jenen stammen. Anstatt willkürlich einen der Verleumder vor das
mildrichterliche Auge dieser Niederschrift zu zerren, nimmt sie einen
Unbescholtenen her, den eigentlichen Ideenborn.
Die Idee des strukturellen Antisemitismus nämlich haben hiesige Recken
der Theoriebildung ihrerseits aus einem kleinen Aufsatz des Moishe
Postone sublimiert. Er heißt “Nationalsozialismus und Antisemitismus. Ein theoretischer Versuch”, wurde Anfang der 90er Jahre verfasst und
gleichwohl in ihm vom “strukturelle Antisemitismus” noch nicht die
wortwörtliche Rede ist, haben alle Strukturverfechter die wichtigsten
Zutaten ihrer Herleitung daher.
Was steht drin?
1. Gedankenverfolg
Anfängt Postones Artikel mit der Absichtserklärung, „diejenigen Aspekte
des modernen Antisemitsimus untersuchen“ zu wollen, „die als
unabdingbarer Bestandteil des deutschen Nationalsozialismus betrachtet
werden müssen“. Der Absicht darf bereits zweierlei entnommen werden:
Zum einen, daß Postone bereits //vor// seiner Beweisführug den
deutschen Nationalsozialismus als mit dem Antisemitismus wesensinnig
verbunden ansieht. Man möchte meinen, daß solches am Ende das Resultat
seiner Analyse ist. Bei Postone steht es am Anfang, weil er seinen
Gegenstand zu „beweisen“ trachtet und nicht zu „untersuchen“,
gleichwohl er das Verbum gebraucht.
Zum zweiten sieht es Postone als gegeben, daß mit dem deutschen
Nationalsozialismus ein neuer, ein „moderner Antisemitismus“ statt
hatte. Dies zu erhärten fährt er im zweiten, dritten und vierten Absatz
fort: Die Besonderheit des „modernen Antisemitismus“ sei keine
quantitative, sondern eine qualitative, nämlich „der verhältnismäßig
geringe Anteil an Emotion und unmittelbarem Haß“ bei der Verrichtung
des Holocaust.
Wie das? Es nimmt einen ja Wunder, warum aus der Hitze - oder Läue -,
mit der ein Massenmord begangen wurde, ein qualitatives Urteil, wie die
Unterscheidung zwischen „modern“ und „traditionell“ erwachsen sollte.
Postone aber stellt den „traditionellen, weil hitzigen“ gegen den
„modernen, weil lauen“ Judenmord. Indes, die hiesige Rechtsprechung
macht von der Wütigkeit, mit der ein vorsätzlicher Mord begangen wurde
weniger Aufhebens als Postone; das Strafmaß bemißt sich eher nach
Verumständungen, wie Vorsätzlichkeit und Motivation, als nach den
Herzenswallungen des Mörders in der Stunde der Tat. Der Judenmord
jedenfalls, das wird in den genannten Absätzen deutlich, ist das
zentrale Ereignis, welches die Merkmale des „modernen Antisemitismus“
aufweisen soll. Modern und traditionell werden weniger durch
Eigenheiten der Geisteshaltung daselbst voneinander geschieden, als
vielmehr durch Eigenheiten des Gemütszustandes - im Hinblick auf das
organisierte Morden. Nicht ein „moderner Gedanke“ kennzeichnet den
„modernen Antisemitismus“, sondern ein „modernes Handeln“, der
Holocaust, das gleichmütige Morden. Sei es!, nehmen wir es an, die
Ansicht klingt triftig. Jedoch! Das Morden, seltsam! seltsam! wird
Postone in seiner Untersuchung fast gar nicht kümmern. Stattdessen
beschäftigt er sich fast ausschliesslich mit dem antijüdischen
Ressentiment, also der Geisteshaltung und nicht mit deren
Instrumentalisierung und anfolgender mörderischer Ausprägung. Der
Widerspruch, einerseits das Neuartige im holocaustischen Morden zu
finden, sich aber andererseits darauf zu beschränken, die
antisemitische Geisteshaltung zu analysieren, wird im Kapitel „Die
Antisemiten“ ausführlicher behandelt.
Hier folgen wir Postone weiter; ein zweites ungewöhnliches
Merkmal vermag er am Holocaust zu entdecken: Er erblickt in ihm einen
Mord, der keinem übergeordnetem Zwecke weiter diente, als eben dem
Morde selbst. Als Beweis für den „Meurtre pour Meurtre“ bringt er, „daß
in den letzten Kriegsjahren, als die deutsche Wehrmacht von der roten
Armee überrollt wurde, ein bedeutender Teil des Schienenverkehrs für
den Transport der Juden zu den Gaskammern benutzt wurde und nicht für
die logistische Unterstützung des Heeres“. Das Argument, es hüstelt
sehr. Nehmen wir sehr zu Postones Gunsten an, daß ein freies
Disponieren zwischen „Frontverkehr“ und „Deportationsverkehr“ möglich
war. In diesem Falle belegte er lediglich, daß den Nationalsozialisten
der Judenmord wichtiger war, als der Erfolg an der Ostfront. Zu aller
Unwahrscheinlichkeit dieser Behauptung, erklärt sie überdies weder den
Zweck des holocaustischen Mordes, noch beweist sie seine
Zwecklosigkeit; sie sagt nur etwas über seine Priorität. Die Bestimmung
des Holocaust macht das nicht ergründlich. Gleichwohl ist es Postone
mit der Unterscheidung des „modernen Antisemitismus“ vom „täglichen
antijüdischen Vorurteil“ ernst; er siedelt die Heraufkunft des neuen
und Ablösung des alten in das späte 19. Jahrhundert.
Die nächsten Absätze beschreiben das neue antijüdischen Ressentiment:
Es gehe mit der Zuschreibung einer jüdischen „Macht“ einher, die als
„wirklich, aber unfaßbar, mysteriös, abstrakt, allgemein und
gefährlich“ galt. Die Juden stünden für eine „machtvolle, unfaßbare
internationale Verschwörung“. Den Beweis für diese allgemeine
Wahrnehmung der Juden innerhalb des antijüdischen Ressentiments muß ein
Naziplakat antreten. Auf diesem, führt ein hakennasiger Jude sowohl
einen Bolschewiken, als auch einen amerikanischen Kapitalisten wie
Marionetten an Strippen und läßt jene Deutschland bedrohen. Ein
Naziplakat, das ist verquer! Wenn die Nationalsozialisten derart die
„jüdische Weltverschwörung“ propagieren mußten, ist das nicht eher
Anzeichen dafür, daß dieser Gedanke erst gesäht werden wollte? Postone
jedoch nimmt es umgekehrt: Aus dem Vorhandensein des Propagandaplakates
schliesst er auf die allgemeine Beschaffenheit des antijüdischen
Ressentiments, deren nachgeordnete Bildwerdung nun vorliege. Wozu aber
benötigte man in diesem Fall noch das Propagandaplakat? Sei es damit
wie es sei; es sind dies nur Anmerkungen von mir, die eine missliche
Gebrechlichkeit in der Beweiskraft der wenigen Fakten feststellen, die
Moishe Postone anführt. Widerlegt ist er damit keineswegs; der
durchschnittliche Antisemitismus im letzten Jahrzehnt des 19.
Jahrhunderts mag trotzdem von Postone’scher Ausprägung gewesen sein.
Allein, genausowenig, wie das bislang widerlegt ist, hat es
Postone bewiesen.
Nach der Bestimmung des „modernen Antisemitsimus“ ist Postone mit
seiner Einleitung zu Ende. Er schickt sich an seine Hauptabsicht und
präzisiert sie nocheinmal um die Verwendung des argumentativen Weges:
Um die „übliche Trennung zwischen einer sozio-ökonomischen Analyse des
Nazismus und einer Untersuchung des Antisemitismus zu überwinden“, will
er einen „historisch-erkenntnistheoretischen Zusammenhang erläutern“,
genauer: eine „Erklärung in Form einer materialistischen
Erkenntnistheorie“ geben. Drängt sich bei diesen Absichtserklärungen
nicht wirklich auf, daß es Postone zuvorderst darum ginge, seine
bereits gefasste Vorstellung von der Beziehung zwischen Antisemitismus
und Nazismus zu objektivieren und in den Zusammenhang jener großen
Theorieen einzuordnen, an die er glaubt? Ichselbst hange zwar den
selben großen Theorieen an, allein, es ist schwer mit Postone darin
übereinzukommen, eine Schrift, deren Zweck die Bestätigung vorgefasster
Ahnungen ist, historische „Untersuchung“ zu heißen. Dafür, dass dieser
Eindruck nicht ganz aus der Luft gegriffen ist, gibt der Rest des
besprochenen Absatzes Beleg, in dem es heißt: Die Erklärung des
Zusammenhangs zwischen Nazismus und Antisemitismus, „//muss// beides
vermitteln“; sie „//muss// den besonderen Inhalt des modernen
Antisemitsmus fassen und hat insofern historisch zu sein, warum diese
Ideologie – beginnend im ausgehenden 19. Jahrhundert - sich zu jener
Zeit so verbreitete.“ Keineswegs stehen die Imperative, wie Postone es
hier dartut: Es wäre in der Tat aufschlussreich, wenn sich solches im
Zuge einer Untersuchung ergäbe; wenn aber nicht, wäre es kein Beinbruch.
Der Beweis beginnt mit der Schilderung der rasanten „gesellschaftlichen
Umstrukurierung“, die Ende des 19. Jahrhunderts statt hatte, mit
„explosiver Verstädterung, Untergang von traditionellen sozialen
Klassen und Schichten, Aufkommen eines grossen (...) industriellen
Proletariats und so weiter.“ Diese Umstrukturierung, so Postone, wurde
von den Meisten als Malaise empfunden und das „Netz der dynamischen
Kräfte“, als deren Spielball sie sich empfanden und „das sie nicht
durchschauten, wurde in Gestalt des „Internationalen Judentums“
wahrgenommen“. Postone vergisst zwei Belege: Dafür, daß die Gründerzeit
(jene ist es, die er beschreibt) in der öffentlichen Meinung als
Zeit der Malaise wahrgenommen wurde. Und dafür, daß die Identifizierung
der Ursachen für dieses Mißhagen mit dem „Internationalen Judentum“
allgemein war.
So weit schildert Postone; jetzt geht er ans erklären: Zunächst, wie es
redlich Sitte bei Thesenlegungen ist, zeiht er die bisherigen
Erklärungsversuche der Unvollständigkeit. Der Antisemitismus sei weder
ein Protest gegen die Herrschaft des Geldes (Horkheimer), noch ein
Protest gegen die „Moderne“ (Mosse). Die Begründungen sind stichhaltig:
Jene Theorie kann nicht erklären, wie die Juden als Strippenzieher des
Bolschewismus erscheinen können, während diese daran krankt, daß der
Antisemitismus nicht auch das Industriekapital zum Gegenstand seiner
Abneigung hat. Gleichwenn Postone diese Ansätze verwirft, verfolgt er
doch den selben grundlegenen Weg: Eine Erscheinungsart des modernen
Kapitalismus zu suchen, die möglichst vollständig mit den negativen
Kategorieen des Antisemitsmus zusammenfällt. Alle drei,
Horkheimer, Mosse und Postone, sind sich mithein einig, daß der
Antisemit zwar „Jude“ sagen mag, in Wirklichkeit etwas anderes meint:
Irgendeine, näher zu bestimmende Erscheinungsform des Kapitalismus.
Es ist wichtig, „Erscheinungsformen des Kapitalismus“ zu sagen und
nicht „Wesen“ oder „Eigenarten des Kapitalismus“. Postone, ich
verstatte mir diesen Vorgriff, wird uns nämlich am Ende seiner
Ableitung den Antisemitismus als „besonders gefährliche Form des
Fetischs“ präsentieren; mit Fetisch aber meint er eben Denkweisen, „die
in den Erscheinungsformen der gesellschaftlichen Verhältnisse befangen
bleiben“, also nicht zu ihrem Wesen vordringen. Der Grundgedanke von
Postones Artikel, um dahin zurückzukehren, wird also darin liegen, ganz
allgemein aufzuzeigen, wie der moderne Kapitalismus dem oberflächlichen
Zeitgenossen des ausgehenden 19. Jahrhunderts zu erscheinen pflegte und
welches dieser Gesichte als „Semitenfratze“ gedeutet werden konnte.
Ich kürze in der Folge Postone ein wenig ab: Um darauf zu kommen, was
denn nun in der Tat vom Antisemiten gemeint ist, wenn er vom Juden
spricht, greift Postone zunächst auf Marx’ Doppelcharakter der Ware
zurück, wonach ihr Wert und Gebrauchswert zugeschrieben werden.
Letzterer liegt //konkret// in den Eigenschaften der Ware verdinglicht
vor, während ersterer sich //abstrakt// im Geld verdinglicht und so
scheinbar von der Ware losgelöst existiert. Diese Feststellung wird
übergangslos in den Stand eines Prinzips erhoben: Alle
„kapitalistischen gesellschaftlichen Beziehungen treten nicht als
solche in Erscheinung und stellen sich zudem antinomisch, als Gegensatz
von Abstraktem und Konkretem dar.“ Die Schnelle, mit der er vom
Doppelcharakter der Ware auf den der gesamten
Erscheinungsformenreichtum oder vielmehr: -armut des Kapitalismus
schließt, überrascht. Der Leser möge sich unbeeindruckt geben und
lausche der Erläuterterung Postones, was unter die konkrete
Erscheinungsform fällt, was unter die abstrakte: Konkret sei die „reine
stoffliche Natur“, konkret sei beispielsweise „konkrete (handwerkliche)
Arbeit“, konkret sei ganz allgemein das „industrielle Kapital“, welches
das „natürliche“ Erbe althergebrachter Tätigkeiten der Menschen
antrete. Das Abstrakte hingegen trete in der Form „objektiver
Naturgesetze“ auf, als Geld, als das „Finanz- und zinstragende Kapital“
und als „äußerliche, abstrakte, allgemeine Gesetze“{-- PLEONASMEN:
Zunächst hält man dafür, dass die geradezu herausplatzende Eifrigkeit
mit der Postone die Gültigkeit seiner Kategorieen zu erhärten sucht,
ihn beide male – sowohl beim Konkreten, als auch beim Abstrakten
– die Kategorie selbst nocheinmal als Attribut verwenden läßt: Konkret
sei die „konkrete Arbeit“; abstrakt sind „abstrakte (...) Gesetze“. An
späterer Stelle wird sich jedoch herausstellen, daß der Makel dieser
tautologischen Bestimmungen tiefer geht.}. Alsdann unterrichtet
uns Postone darüber, dass „Formen antikapitalistischen Denkens, die
innerhalb (...) dieser Antinomie verharren, dazu tendieren, den
Kapitalismus nur in der Form der Erscheinungen der abstrakten Seite
dieser Antinomie wahrzunehmen“. Eben noch Tendenz wird sie aber in nur
fünf Absätzen zur hauptsächlichen Stossrichtung: „Diese Form des
Antikapitalismus“ – gemeint ist eine, die zwischen dem natürlichen
Konkreten und dem widernatürlichen Abstrakten unterscheidet – „beruht
also auf dem einseitigen Angriff auf das Abstrakte“. Selbst aber das
Abstrakte, so verfährt Postone, erscheint vergegenständlicht: Es wird -
unter dem Eindruck des Darwin’schen Paradigmenumsturzes - naturalisiert
und biologisiert. Derart nimmt man nicht nur, wie das ja naheliegend
ist, das Konkrete wahr (Blut und Maschine), sondern auch das Abstrakte:
in Gestalt des Juden. Postone schliesst: „Der moderne Antisemitismus
besteht in der Biologisierung des Kapitalismus – der selbst nur in der
Form des erscheinenden Abstrakten verstanden wird – als internationales
Judentum.“
So formuliert Postone selbst. Anfolgt noch ein dritter und vierter
Abschnitt. Nachdem im zweiten Abschnitt die Antinomie zwischen
abstrakter und konkreter Erscheinung des Kapitalismus beschrieben wird
und deren anschliessende Biologisierung und Naturalisierung,
plausibilisiert der dritte, warum just die Juden so geeignet für die
Fetischisierung des antikapitalistischen Ressentiments waren. Der lang
zurückverfolgbare Antisemitismus wird angeführt, ferner die landläufige
Jude-Geld-Assoziation. Im Besonderen aber findet Postone die Antimonie
zwischen konkret und abstrakt im Individuum selbst wieder, wie die
verkleinerte und verkrümmte Widerspiegelung der Welt in einem
Wassertropfen: Als Privatperson erschiene das Individuum konkret, als
Staatsbürger hingegen abstrakt. Die Nation sei das Zuhaus der
Privatpersonen, der Staat das der Staatsbürger. Die Juden aber wären
nur in den europäischen //Staaten// zuhaus; einer europäischen Nation
gehörten Sie nicht an. So vollzögen sie als „pure“ Staatsbürger im
Kleinen die Postonesche Verwandlung zur Gestalt des Abstrakten und ihre
Identifizierung mit der gesamten „Abstraktheit“, so Postone, folgert
selbstevident.
Damit erachtet Postone seine Arbeit als getan, die Absicht befriedigend
ins Werk gesetzt. Der vierte Abschnitt fügt denn auch dem Verlautbarten
keine neue Nachricht hinzu, sondern wiederholt, fasst zusammen und
verallgemeinert. Hier, im Allgemeinen, verlassen wir Postones
Gedankenpfad und wenden uns um.
2. Widerrede
Soviel zu Postones Gedanken, soweit ihr Verfolg. Man wird mir nicht
vorwerfen können, ich hätte Postone nicht ausreden lassen oder wäre ihm
ins Wort gefahren. Ich verhehle nicht meine kühle Berechnung dahinter,
dem Leser nun das billige Recht abzutrotzen, mir die selbe
Ungestörtheit in der Widerrede zu gewähren. Drei Punkte plane ich
vorzutragen:
(1) Postones Verständnis des deutschen Nationalsozialismus als eine vom
Volk ausgehende, antikapitalistisch mißinterpretierte Bewegung ist
schlichtweg unhistorisch. Das ist eine empirische Kritik.
(2) Postone will beweisen, was der Antisemit meint, wenn er „Jude“
sagt. Das Vorhaben ist sowohl inhaltlich problematisch, als auch mit
einer „materialistischen Erkenntnistheorie“ schwer vereinbar. Das ist
eine analytische Kritik.
(3) Postones Kategorie des „modernen Antisemitismus“ ist unnötig und
schwer haltbar; mithin sein ganzer „theoretischer Versuch“. Das ist
eine prinzipielle Kritik.


