home > Brandreden

Ach, Hohmann! wie schnell ist doch ein Jahr herum...

Als Martin Hohmann zum "Tag der deutschen Einheit" 2003  einmal seinem Judenfrust Luft machte, entrüstete sich das deutsche Feuilleton allerenden. Zum hundertsten und verdrießlichsten Male polterte eine Antisemitismusdebatte zu Tale, unter Staub und Graus. Wirklich? Sieht so eine Antisemitismusdebatte aus?

Natürlich weiß man, dass keine Antisemitismusdebatte stattfand. Weil sich, wie man ebenfalls weiß, über Antisemitismus gar nicht debattieren lässt. Es ist so unmöglich, wie einem Blöden zu erklären, dass er blöd ist.

Was wir stattdes zum rückfälligsten male erlebten, ist die mediale Auswaidung des  Juden-Ressentiments. Wir erlebten die beidseitige Instrumentalisierung des Antisemitismus zum  Zwecke der Erheischung ungebührender Aufmerksamkeit. Hohmann bediente sich des  Antisemitismus nach dem Vorbild Jürgen Möllemanns, der Teufel sei seiner Seele gnädig, um beim rechten Wählervolk zu punkten. Andere wiederum nahmen Hohmanns Antisemitismus zum Anlass, um Ihr edelstes Organ - Ihren erigierten Zeigefinger! - medienwirksam in Szene zu setzen; reckend, mahnend, zeigend.

Deren Absicht schien lauter. Sie war es nicht. Die Affaire war eigentlich ein Fall für den Staatsanwalt und nicht für den öffentlichen Zeigefinger. Wer die faschistischen Stereotypen  öffentlich dartut, sintemal als Politiker, dem wird der Prozess gemacht - und sollte der Presse eine halbspaltige Notiz wert sein, wofern er eine unbedeutende Figur ist wie Martin Hohmann. Seine Rede enthielte genug Munition für eine Verurteilung nach Paragraph 130 StGB (Volksverhetzung) oder Paragraph 86 StGB (verfassungswidrige Propaganda). Gegen Hohmann wurde kein Verfahren eröffnet; lediglich ein Parteiausschlussverfahren hängt ihm an. Die Justiz, so heißt das ungeschriebene Gesetz, dem dieser Fortgang der Affaire folgte, darf der Presse ihr Publikum nicht streitig machen.

Diese Regelung nach den Regeln nämlich hätte keine Krumen für die Antisemitismus-Wünschelrutengänger abfallen lassen, nicht für die Whistle-Blower und nicht für die  vielen nach dieser Pfeife tanzenden Wächter über die hiesige Gesittung. Für sie ist jede  Antisemitismusdebatte ein Broderwerb, ein sicheres Zeilengeld, eine Möglichkeit sich herzuzeigen. Was sie zu sagen haben, wissen wir längst, denn es gibt nichts hierzu, das noch nicht öffentlich ausgesprochen wurde. Die wenigen Ehrbaren, die etwas ernsthaftes zu dem Thema beitragen könnten, blieben ungefragt und unerhört. Die öffentliche Meinung, so offenbarte der Fall Hohmann um ein weiteres mal, ist in Wirklichkeit eine ganz persönliche: Die eines Politikers oder eines Journalisten. Ohnehin: Wo ist da der Unterschied?

Daß das bezahlte Schreiben und öffentliche Radotieren über die ganz persönlichen Ansichten zum Judenhass dennoch ein segenreiches Füllhorn bleibt, liegt wahrscheinlich an der vollkommen  Anbiederung der Medien an ihr Publikum. Woran sonst kann sich der einfältige aber kaufkräftige Leser so selbstgerecht erregen? Nennen Sie es Demokratie. Wie auch das Fernsehprogramm.

Fände der Antisemitismus lediglich Raum in Köpfen vom Schlage Hohmanns, er könnte einem regelrecht leid tun. Sicher wäre er klaustrophob. Allein, er findet eine weitaus größere Spielwiese eben in diesen öffentlichen Debatten über ihnselbst, die in Wirklichkeit gar keine sind, sondern Tarnung für den politischen Werdegang einiger und die Eitelkeiten anderer. Wie aber kann der Antisemitismus je einer Normalität für die Juden weichen, da sich von ihm gut leben lässt?

(c) Nov 2003,  D. H. Rapoport


PS: Der Inhalt des Artikels erklärt, warum er erst jetzt, nach Jahresfrist, erscheinen kann.

© 2002-2005 DH Rapoport
home > Brandreden